„Emil“ und die Kanzlerin

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Deutsche Presse-Agentur

Das aufgeregte Gemurmel verstummt erst, als die Kanzlerin schon zwischen ihnen auf der Treppe steht. Schnell zücken die Kinder ihre Fotoapparate oder halten den Moment mit ihren Handys fest. Schließlich erleben sie Angela Merkel (CDU) zum ersten Mal hautnah - und einmal ganz anders.

Denn die Regierungschefin liest im Kanzleramt aus dem Kinderbuchklassiker „Emil und die Detektive“ von Erich Kästner vor. Merkel entführt die Sechstklässler in die Abenteuerwelt des mutigen Emils, der in Berlin einen Dieb verfolgt und die ihm gestohlenen 140 Mark mit Hilfe seiner Freunde zurückbekommt. „Das ist mein Geld, und ich muss es wieder haben“, sagt Merkel bestimmt in Person des kleinen Emils. Gebannt blicken die Kinder auf die Kanzlerin.

Merkel schenkte am Dienstag rund 60 Schülerinnen und Schüler aus Berliner Schulen ein wenig von ihrer Zeit. Die CDU-Politikerin setzte sich für den Vorlesewettbewerb vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels ein, den es seit 50 Jahren gibt und an dem jährlich 7500 Schulen teilnehmen. Der Autor Kästner besuchte 1959 den ersten Wettbewerb und unterstützte die Initiative - deshalb wählten die Veranstalter eines seiner Werke für die Jubiläumsfeier. Merkel will Kindern die Freude an Büchern vermitteln. „Lesen ist etwas ganz Wichtiges, weil es die Fantasie beflügelt“, sagt sie. „Lesen befördert auch die Fähigkeit, dass man etwas Neues lernen kann.“

Wenige Straßen von den Schauplätzen entfernt, an denen Emil zusammen mit seinen Freunden Herrn Grundeis auf den Fersen ist, sitzt Merkel wie die Kinder auf einer mit Kissen gepolsterten Treppe in der Machtzentrale. Für kurze Zeit lässt sie den ungemütlichen Politikbetrieb mit Wirtschaftskrise und Ministerwechsel hinter sich. Doch zunächst scheint sich die Kanzlerin bei der - wie sie sagt - „unterhaltsamen Stunde“ noch etwas unwohl zu fühlen. Ein Schielen auf die Uhr kann sie sich nicht verkneifen. Erst nach und nach wirkt sie gelassener. Und als die Vorjahressieger des bundesweiten Wettbewerbs, Justina Kämpf aus Leipzig und der Berliner Kai Gies, vorlesen, wie Emil und seine Freunde ihre Pläne aushecken, huscht auch der Kanzlerin ein Lächeln übers Gesicht. Gemütlich streckt sie die Beine aus.

Für Merkel bleibt das große Finale: Die Szene, in der Emil und seine Freunde in der Bank Herrn Grundeis überführen. Ruhig und mit Tempo in der Stimme trägt sie von den cleveren Burschen vor, die zusammenhalten und sich auch in der größten Not selbst zu helfen wissen. Danach schnellen ohne Zögern die Finger in die Höhe für Fragen an die Kanzlerin, die die Kinder bisher nur aus dem Fernsehen kannten, wie die Jungen und Mädchen erzählen. „Warum gucken sie so gerne Fußball?“ „Haben Sie genug Zeit zum Lesen?“ Als Kind habe sie Märchen geliebt, verrät die 54-Jährige. Jetzt bevorzuge sie Literatur von Siegfried Lenz und lese vor allem in den Ferien, um sich von der Politik abzulenken.

Nach etwa einer Stunde ist alles vorbei. Die Schüler, die zuvor noch so ruhig zugehört haben, drängen sich um Merkel, um ein Autogramm zu erhaschen. Geduldig erfüllt die Kanzlerin die Wünsche, obwohl sie in Eile ist: „Ich muss zum Bundespräsidenten. Das ist der einzige Ort, an dem man nicht zu spät kommen darf“, sagt Merkel und verschwindet, um rechtzeitig bei der Ernennung des neuen Wirtschaftsministers Karl-Theodor zu Guttenberg zu sein.

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