Elena Ferrantes Erstlingswerk auf Deutsch

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«Lästige Liebe»
Elena Ferrantes Erstling jetzt auf Deutsch: „Lästige Liebe“. (Foto: Suhrkamp / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Laura Krzikalla

Es ist der Beweis, dass Elena Ferrantes Wortgewalt nicht nur vier Bände lang hält. Mit „Lästige Liebe“ ist in Deutschland das Erstlingswerk der unter dem Pseudonym Elena Ferrante schreibenden Autorin in einer neuen Übersetzung erschienen.

Sie löste mit ihrer Neapel-Tetralogie einen weltweiten Hype aus. Erst im Januar dieses Jahres erschien der vierte und letzte Teil auf Deutsch. Nach dem Erfolg der Übersetzung von Karin Krieger versucht Suhrkamp mit der deutschen Neauflage ihres ersten Romans von 1992, das Ferrante-Fieber der Fans erneut zu entfesseln. 1994 war „Lästige Liebe“ der damals noch weitaus unbekannten Elena Ferrante schon einmal ins Deutsche übersetzt worden.

Wieder Neapel. Wieder zwei Frauen. „Lästige Liebe“ zeigt, dass Ferrante auch fast 20 Jahre vor „Meine geniale Freundin“ eine Vorliebe für diese Themen hatte - und ein Talent dafür, alle damit verbundenen Gefühle präzise zu beschreiben: Eifersucht, Liebe, Ekel. Delia, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, ist Mitte 40 und will nichts lieber, als ihre Vergangenheit vergessen.

Sie ist weggezogen aus dem schmutzigen Neapel, nach Rom, spricht nicht mehr im vulgären Dialekt ihrer Heimat, hält die Familie, so gut es geht, von sich fern. Bis sich ihre Mutter eines Tages in den Zug in die Hauptstadt setzt, um die Tochter zu besuchen - und dort nie ankommt.

Drei mysteriöse Anrufe bringen Delia dazu, nachzuforschen: Was tat die Mutter in den womöglich letzten Stunden ihres Lebens? Sie begibt sich auf eine Reise zurück in die Vergangenheit, in die ihr fremdgewordenen Straßen Neapels, und kann plötzlich nicht mehr anders, als sich an die lang verdrängte Kindheit in all ihrer Grausamkeit zu erinnern.

Was beginnt wie ein Krimi, wird zur Aufarbeitung einer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung, die ähnlich ambivalent ist wie die Beziehung der beiden Freundinnen Elena und Lila. Delias Zerrissenheit zwischen Liebe und Hass für die Mutter Amalia („Ich war so entschlossen, nicht so zu werden wie Amalia, dass ich nacheinander alle Gründe vergaß, aus denen ich ihr hatte ähneln wollen.“) trägt die Geschichte auf knapp über 200 Seiten. Die Psychoanalyse der beiden verschmelzenden Charaktere Mutter und Tochter gelingt Ferrante.

Parallelen zur Neapel-Tetralogie gibt es dabei reichlich: die Straßen der pulsierenden Stadt, die bei Ferrante immer wieder wichtige Protagonistin ist und ein Bild der italienischen Nachkriegszeit zeichnet: Armut, häusliche Gewalt, das Patriarchat. All das erinnert bei „Lästige Liebe“ in seiner Heftigkeit fast zu sehr an die Ferrante-Tetralogie.

Noch mehr aber spielt sich „Lästige Liebe“ in einer Gedankenwelt ab. Delias Beziehung zu ihrer Mutter, es gibt sie nur noch in ihren Erinnerungen. Die sind teils so verworren, so abstrus, dass es bisweilen schwerfällt, die beiden Erzählebenen des Wirklichen und der Vorstellung voneinander zu trennen. Ferrantes Worte sind leise Andeutungen, die in ihrer subtilen Grausamkeit doch wirken wie lautes Tosen. Das fesselt - jedoch nicht so sehr wie die Neapel-Bestseller, die Ferrante weltberühmt machten.

Fans der Neapel-Saga dürfte „Lästige Liebe“ vorkommen wie eine Kopie altbekannter Muster, auch wenn der Roman erwachsener und schwermütiger und vor allem älter ist als die anderen Bücher. Es bleibt einem deshalb nichts anderes übrig, als sich restlos davon zu lösen.

- Elena Ferrante: Lästige Liebe. Suhrkamp, Berlin, 206 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-518-42828-3.

Suhrkamp zu Lästige Liebe

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