Einen Tag in der App-Redaktion

Lesedauer: 10 Min
Redakteurin Kara Ballarin erklärt die App-Welt der Schwäbischen Zeitung.
(Foto: Seibert/Bierling)
Schwäbische Zeitung

Die Journalistenschüler Frank Seibert und Thomas Bierling haben die iPad-Redaktion der Schwäbischen Zeitung besucht – Hier ist ihr Bericht:

Verlage suchen neue Wege, um ihre Zeitungen zu verkaufen. Eine Möglichkeit: Apps. Die Schwäbische Zeitung setzt seit kurzem auf diese Neuheit. Zu Besuch bei einer der modernsten Regionalzeitungen Deutschlands.

Um kurz nach zehn Uhr sitzt Kara Ballarin im Verlagsgebäude der Schwäbischen Zeitung mit neun Kollegen an Tischen, die zu einem Rechteck zusammengestellt sind. Über ihren Köpfen hängen zwei Flachbildschirme, auf denen die Webseiten der großen Tageszeitungen flimmern. Jeder Kollege trägt aktuelle Themen vor. Es geht um den Darmkeim Ehec, die Auswirkungen des Atomausstiegs für die Region und den Jahrestag von Köhlers Rücktritt. Die meisten machen sich mit ihren Kugelschreibern Notizen – bis auf Ballarin, die tippt in ihr iPad Stichpunkte ein.

Die blonde junge Frau ist eine der beiden iPad-Redakteure der Schwäbischen Zeitung. Seit Anfang Mai kann sich jeder, der sich fürs Ländle interessiert, die elektronische Version der Zeitung herunterladen. Sie kostet die Hälfte der gedruckten Fassung, pro App 79 Cent. Apps? Das sind kleine Programme, die man sich auf moderne Handys und die größeren Tablet-PCs laden kann. Die meisten Apps gibt es im Moment für das Tablet von Apple, das iPad. Ein tragbarer Computer, der reagiert, wenn man den Bildschirm mit dem Finger berührt. Das iPad ist schwarz oder weiß, kleiner als ein DIN-A4-Blatt und wiegt etwas mehr als eine Päckchen Mehl. Für viele stellt es die Zukunft der Zeitung dar.

Texte, Video, Audio, Fotoreportagen

Eine Stunde später geht Kara Ballarin in das Büro des stellvertretenden Chefredakteurs Peter Weißenberg. Über die Lautsprecher seines Telefons melden sich die Korrespondenten aus den sechs Regionalbüros der Zeitung zur Telefonkonferenz. Auch die drei Stationen der zugehörige Fernsehsender Regio TV und die beiden Radiosender des Verlages sind in der Leitung. Weißenberg geht die einzelnen Redakteure auf einer Liste durch. Sie berichten ihm von den Neuigkeiten aus ihren Gebieten. Regio TV meldet den Absturz eines Sportflugzeugs in Tannheim. Ballarin und Weißenberg fragen nach: „Gibt es Bilder und Videos?“. Filme von der Unfallstelle leider nicht, dafür ein Interview mit dem Polizeisprecher.

Apps bieten den Zeitungen ganz neue Möglichkeiten. Mit ihnen ist es machbar, die Vorteile einer gedruckten Zeitung mit der Vielseitigkeit eines Computers zu verbinden: Texte, die man mit dem Finger umblättern und überall hin mitnehmen kann. Ergänzt durch Video- und Audiobeiträge, Fotoreportagen, 360-Grad-Panoramen und Infografiken. So können auch lange Reportagen auf den Geräten lebhaft wirken. Jeden Artikel können die Leser umgehend kommentieren. Will ein Nutzer mehr Informationen zu dem Protagonisten einer Geschichte, kann er einen Infokasten öffnen.

Zukunft der Zeitung?

Viele Blattmacher sind sich sicher, dass es die Zeitung der Zukunft sei. Die Frage ist nur, wie nah oder fern diese Zukunft ist. Bisher besitzen nur rund 800.000 Menschen in Deutschland einen Tablet-PC, schätzt der Bundesverband Informationswirtschaft. Ein positiver Trend ist in einigen Studien erkennbar. Über die Hälfte der derzeit verkauften Geräte sind iPads von Apple. Jedoch drängt immer mehr Konkurrenz auf den Markt.

Kara Ballarin verschränkt ihre Beine auf dem Schreibtischstuhl zum Schneidersitz, das iPad auf ihrem Schoß. Nebenan sitzt Kollege Patrik Stäbler und schreibt an der täglichen Glosse „Zu guter Letzt”, die nur auf dem iPad erscheint. Ballarin passt die Bilder dem Format des iPads an und verknüpft den Text über den Jahrestag von Köhlers Rücktritt mit einem Video von Youtube.

Mehrwert ist wichtig

Seit 2009 ist Peter Weißenberg stellvertretender Chefredakteur bei der Schwäbischen Zeitung. Er ist vom innovativen Denken des Verlags überzeugt. „Unser Produkt ist nicht die Zeitung, sondern die exklusive Geschichte”, sagt er. Ihre besondere Stärke sei, Experten direkt vor Ort zu haben. „Wenn etwas in Biberach passiert, sind dort schon zehn Leute von uns vor Ort. Das haben weder der Spiegel, noch Google!” Die exklusive Nachricht könne in allen Medien verwendet werden – sei es in der Zeitung, im Radio, Fernsehen oder auf dem iPad. Vor wenigen Monaten wurde ein modernes Redaktionssystem eingeführt. Damit ist es einfacher, die verschiedenen Medien Bild, Ton und Text zu verknüpfen. Nicht alle Journalisten waren sofort von dieser Idee begeistert: „Manche mussten überzeugt werden, andere überredet. Sie zu überzeugen ist besser”, sagt Weißenberg.

Auf dem iPad bekommt der Leser nicht nur Inhalte, die er auch in der Zeitung lesen könnte – exklusiv sind beispielsweise die „Bilder der Woche” und Video-Umfragen aus der Region. „Wenn wir die Zeitung nur als eingescanntes Dokument anbieten würden, ohne zusätzliche Inhalte, dann hätten wir eigentlich keine Verkaufsberechtigung”, sagt Ballarin. Große Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine gehen derzeit genau diesen Weg, ähnlich wie Spiegel und Stern: Sie übertragen ihr Printprodukt nahezu 1:1 auf das iPad. Noch weniger hat bisher die Süddeutsche Zeitung unternommen. Die größte deutsche Abozeitung hat zwar angekündigt, ein eigenes Programm für die Zeitung herausbringen zu wollen. Aber noch ist unklar, sie soweit ist. Bislang gibt es von der Süddeutschen nur eine App, die die Nachrichten von der Homepage anzeigt.

Pilotprojekt mit dpa-infocom

Verlage hoffen, mit den Zusatzprogrammen Geld zu verdienen, indem sie ihre Inhalte als elektronische Versionen anbieten. Im Internet ist die Zahlungsbereitschaft gering. Für Apps ist sie deutlich höher. Marktforscher gehen davon aus, dass mit ihnen allein im App-Store von Apple im Jahr 2011 knapp drei Milliarden US-Dollar umgesetzt werden.  

Die App der Schwäbischen Zeitung wurde in einem Pilot-Projekt mit der Firma dpa-infocom entwickelt. Zusammen mit dem Verlag Schwäbisch Media wurde überlegt, welche Funktionen für das Programm sinnvoll sein können. „Wir haben uns beispielsweise bewusst dafür entschieden, die Seiten auf dem Bildschirm nur nach rechts und nach links verschieben zu können“, sagt Ballarin. Von oben nach unten zu scrollen erinnere den Leser zu sehr an das kostenlose Internet. Schon jetzt ist die dpa-infocom mit weiteren Verlagen in Vertragsgesprächen.

Um kurz vor acht abends sieht sich Kara Ballarin die Geschichten an, die sie für den Tag herausgesucht hat. Auf ihrem iPad blättert sie ein letztes Mal durch die fertige Fassung, um mögliche Fehler zu finden. Nachdem sie keinen gefunden hat, klickt sie in ihrem Computer auf „Publizieren”. Sekunden später hat der Leser schon heute die Zeitung von morgen.

(Frank Seibert und Thomas Bierling sind Schüler an der Deutschen Journalistenschule in München. Unter dem Titel „Umbruch“ hat ihr Lehrgang eine Zeitung „über die Zukunft der Zeitung” zusammengestellt. Darin findet sich auch der Text „Schaffe, Schaffe, App’le baue – In Schwaben entsteht die Zeitung der Zukunft“, für den Seibert und Bierling einen Tag lang die iPad-Redaktion der Schwäbischen Zeitung besuchten.)

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen