Eine zweite Chance für „Klara Sonntag“

«Klara Sonntag – Kleine Fische, große Fische»
Mariele Millowitsch gibt die Bewährungshelferin Klara Sonntag. (Foto: Frank Dicks / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Klaus Braeuer

„Nein, ich will nicht.“ Mit diesen Worten schreckt Klara Sonntag (Mariele Millowitsch) aus dem Schlaf. Neben ihr liegt ihr Liebhaber Thomas Aschenbach (Bruno Cathomas).

Klara hatte einen Alptraum, in dem Thomas ihr in Robe und singend im Gerichtssaal einen Heiratsantrag machte, den sie gut hörbar abgewiesen hat. Dabei hat der Richter sich endlich scheiden lassen und will Klara nach 15-jähriger Affäre tatsächlich ehelichen. Sie möchte jedoch ihre Unabhängigkeit behalten - zumal sie in ihrem Job als Bewährungshelferin ohnehin schon oft beruflich vor Gericht mit ihm zu tun hat. Viel Zündstoff also für den Film „Klara Sonntag - Kleine Fische, große Fische“ an diesem Freitag um 20.15 Uhr im Ersten.

In ihrer Arbeit darf Klara sich nicht nur mit ihrer nervigen Chefin, sondern gleich mit zwei Fällen herumschlagen. Zum einen geht es um die hochnäsige Insolvenzbetrügerin Merle Scheffler (Nadja Becker), die nun, statt in ihrem Pool zu schwimmen, mit dem Rad zur Ableistung ihrer Sozialstunden radeln muss und nie gelernt hat, um Hilfe zu bitten.

Zum anderen betreut sie den 80-jährigen Rudi Dülmen (Christian Grashof), der nach 50 Jahren im Gefängnis erst einmal lernen muss, wie Formulare auszufüllen sind. Bei der Bearbeitung des Antrages auf Grundsicherung erfährt er, dass seine langjährige Tätigkeit im Gefängnis nicht auf die Rente angerechnet wird - was der Gesetzgeber angeblich seit 40 Jahren ändern will, aber noch immer der Fall ist.

Autor Sebastian Orlac (51, „Lotta“) und Regisseur Oliver Schmitz (60, „Türkisch für Anfänger“) legen hier einen ernsthaften Film vor, der neben aller Dramatik auch Platz für komische Momente lässt. Das Tempo ist enorm, aber wenn es um den Einblick in das Seelenleben der Hauptfiguren geht, dann ist ganz viel Zeit da. Der Film bleibt nah dran an den Menschen, die von allen Schauspielern klar und gut verkörpert werden und die deutlich werden lassen, dass Menschen zwar nicht immer im Leben eine Wahl, wohl aber eine zweite Chance verdient haben.

Mariele Millowitsch (65, „Marie Brand“) ist hier in einer weiteren Paraderolle zu sehen. Als Frau Sonntag fegt sie mit ihrem kleinen Flitzer durch die Gegend, hört gerne laute Rockmusik, besitzt eine Schildkröte - und hat wie sie einen ziemlichen Dickschädel samt guter Spürnase. „Sie schnüffelt nicht, sondern sie entdeckt die Wahrheit über ihre eigene Geschichte - den Hintergrund ihrer Kindheit - eher zufällig. Das bringt sie zunächst einmal ordentlich durcheinander“, sagt Mariele Millowitsch gegenüber der Nachrichtenagentur dpa.

„Finger weg von Schutzbefohlenen“ - so heißt ein Grundsatz im Job der Bewährungshelfer, und so wäre der durchaus gut gespielten Hauptfigur etwas mehr professionelle Distanz zu den Probanden zu wünschen, verbunden mit weniger persönlichen Verwicklungen, die obendrein unnötig konstruiert wirken. Gerade diese Verwicklungen gehen hier durchaus an der Lebensrealität einer Bewährungshelferin vorbei - aber das ließe sich ja in den nächsten Folgen ändern, die den Sendeplatz „Endlich Freitag im Ersten“ sicherlich bereichern würden.

© dpa-infocom, dpa:210421-99-296276/2

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