Ein „Kibbuzkind“ zwischen Israel und Deutschland

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«Kibbuzkind»
Eine deutsch-israelische Familiengeschichte von Lisa Welzhofer: „Kibbuzkind“. (Foto: Evangelische Verlagsanstalt Leipzig/Edition Chrismon / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Stefanie Järkel

Sie ist ein Kind des Kibbuz' am See Genezareth, wo das Wasser meist in sanften Wellen ans Ufer schwappt. Zumindest wurde Lisa Welzhofer dort gezeugt, ging aus der Liebelei einer jungen Deutschen und eines jungen Israelis in den 1970er Jahren hervor.

Sie hätte als Deutsch-Israelin im Heiligen Land aufwachsen können, mitten im politischen Konfliktgebiet. Doch es kam anders.

Welzhofer, Jahrgang 1978, geboren in Starnberg, erlebte ihre Kindheit und Jugend stattdessen im bayerisch-schwäbischen Günzburg. Ihre Mutter Barbara zog sie mit Hilfe der Großeltern auf. Ihren Vater lernte Welzhofer erst im Alter von 29 Jahren kennen, Jahre nach dem Tod ihrer Mutter.

Welzhofer hat in „Kibbuzkind: eine deutsch-israelische Familiengeschichte“ ihre eigene Geschichte aufgeschrieben. Sie erzählt darin in liebevollen Briefen an ihren kleinen Sohn Viktor, wie es sich anfühlt, einen Vater zu treffen, der sie einst nicht wollte, wie sehr der frühe Tod der Mutter sie verstört hat und welche Gedanken sie sich macht, seit sie selbst ein Kind hat.

Die Autorin beginnt mit der Familiengeschichte allerdings bereits bei ihren eigenen Ur-Großeltern mütterlicherseits. Sie erzählt von der Jugend ihrer Oma Rosa während des Krieges und wie es in Günzburg nach dem Krieg aussah, als ihre Mutter Barbara 1950 geboren wurde: „In der (...) Bahnhofstraße klafften noch die Lücken zerstörter Gebäude.“

Wie ihre Mutter aufbegehrte gegen das geordnete Leben Zuhause in der Kleinstadt, für sie „die reine Spießerhölle (...), die sie möglichst schnell verlassen wollte“, wie Welzhofer schreibt. Das Buch basiert zum Teil auf einem Tagebuch der Mutter, das sie nach deren Tod fand.

Raus aus der „Spießerhölle“ landete Barbara mit einer Freundin in eben jenem Kibbuz im Norden Israels, wo sie als Freiwillige arbeitete. Sie machte sich in der Zeit auch Gedanken um die deutsch-jüdische Vergangenheit, den Holocaust: „Wie viele Menschen haben wir erniedrigt? Sie ihrer Würde beraubt? Ich spüre Ablehnung. Könnte auskotzen“, zitiert Welzhofer aus dem Tagebuch.

Barbara verliebte sich in den jungen Israeli Hagai und wurde schwanger. Ihre Gefühle wurden allerdings nicht im gleichen Maß erwidert. Sie ging allein nach Deutschland zurück. „Und dann schrieb er in sehr klaren Worten, dass er niemandem von dem Baby erzählt habe und dass er nie wieder etwas von ihr hören wolle. Es fällt mir ziemlich schwer, dir von diesem Brief zu erzählen. Weil er deinen Großvater wie einen unmöglichen Menschen dastehen lässt“, schreibt Welzhofer an ihren Sohn.

Die Briefe an Viktor beginnen im April 2014 und enden im Juni 2015. Das Buch zeigt auch Fotos der Familie von Lisa Welzhofers Mutter und ihres Vaters. Während sie die Vergangenheit lebendig werden lässt, verweist Welzhofer zudem immer wieder auf ihren Alltag. Etwa wenn sie Viktor erzählt, dass sie wieder angefangen hat zu arbeiten und wie gut ihr das tut.

Welzhofer macht sich schließlich auf die Suche nach ihrem Vater - und findet Hagai in Jerusalem. Seine Frau Bitya sagt beim ersten Treffen: „Ich habe immer zu Hagai gesagt, dass du eines Tages vor unserer Tür stehen wirst.“ Der herzlich gemeinte Satz macht Welzhofer später allerdings zu schaffen. „Weil ich nicht verstehe, wie man sich bei einer so wichtigen Sache in eine so passiv-wartende Position begeben kann. Weil es mich kränkt, dass sich keiner aufgemacht hat, um an meine Tür zu klopfen“, schreibt sie im Februar 2015.

Es ist ein Buch, das berührt, weil es so persönlich ist und auch tragisch. Es entwickelt seinen eigenen Sog. Lediglich beim Rückblick bis in die Ur-Großelterngeneration zu Beginn des Buches muss sich der Leser etwas konzentrieren, um den Überblick bei all den Akteuren zu behalten.

Und ein persönliches Thema klammert die Autorin aus: Wie sie den Vater von Viktor fand. Warum er der Mann war, mit dem sie eine Familie gründete und zwei Kinder bekam. Schließlich schreibt sie ausführlich darüber, wie ihre Mutter Mutter wurde und wie der Vater des gemeinsamen Kindes sie zurückwies. Schließlich erzählt sie Viktor die Geschichte seiner Familie. Man hätte sich einfach liebend gerne noch ein bisschen länger in der Familienwelt von Lisa Welzhofer umgeschaut.

- Lisa Welzhofer: Kibbuzkind: eine deutsch-israelische Familiengeschichte. Edition Chrismon, Leipzig, 144 Seiten, 14,00 Euro, ISBN 978-3960381600.

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