„Effi Briest“ auf der Berlinale gefeiert

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Deutsche Presse-Agentur

Theodor Fontanes Erfolgsroman „Effi Briest“ auf die Leinwand zu bringen, ist nach populären Adaptionen mit Marianne Hoppe, Ruth Leuwerik und Angelica Domröse oder der eher sperrigen Version von Rainer Werner Fassbinder mit Hanna Schygulla ein Wagnis.

Regisseurin Hermine Huntgeburth („Die weiße Massai“) gelang jedoch mit der wunderbaren Julia Jentsch als Interpretin einer der wohl berühmtesten Frauenfiguren der deutschen Literatur ein großer Wurf.

Der Berlinale-Film fand schon bei seiner ersten Pressevorführung auf der Berlinale starke Beachtung und begeisterte Aufnahme. Zu recht. Zur Galapremiere im Friedrichstadtpalast am Montagabend wurde auch Bundeskanzlerin Angelika Merkel (CDU) erwartet. Drehbuchautor Volker Einrauch und Regisseurin Huntgeburth haben die noch heute viel gelesene Vorlage subtil auf die Leinwand übertragen. Konzentriert auf die Ende des 19. Jahrhunderts spielende Geschichte der Adligen Effi Briest, die nach einem intimen Verhältnis mit einem verheirateten Offizier aus der Ehe und aus der Gesellschaft ausgestoßen wird, gelingt das feinsinnige Porträt einer bigotten, auf starre Moralvorstellungen pochenden Gesellschaft, das in keinem Moment gestrig anmutet.

Verblüffend ist für Kenner der Vorlage der Schluss des Films: Bei Fontane stirbt Effi. Hier geht sie hoch erhobenen Hauptes einem neuen, selbstständigen Leben entgegen, genau so wie das historische Vorbild der Romanfigur, Elisabeth von Plotho (1853-1952), die Großmutter des Physikers Manfred von Ardenne. Diese Änderung wirkt keineswegs aufgesetzt oder modernistisch. Sie ergibt sich vielmehr logisch aus dem oft fast keck anmutenden Erzählton und der selbstbewussten Interpretation der Titelfigur durch Julia Jentsch.

Die 30-jährige Julia Jentsch, die ihren Durchbruch 2005 mit „Sophie Scholl - Die letzten Tage“ hatte, beweist erneut ihre Klasse im Porträtieren ungewöhnlicher Persönlichkeiten. Dabei begeistert sie mit einer enormen Wandlungsfähigkeit: Eben noch ganz naives Kind, ist ihre Effi einmal leidende Gattin, dann stürmische Geliebte und schließlich eine zu sich selbst stehende junge Frau, die ihr Dasein fest in die eigenen Hände nimmt. Eine großartige Leistung.

Neben Jentsch spielt ein Ensemble exzellenter Schauspieler, die noch kleinsten Rollen starkes Profil verleihen. Dazu gehören Barbara Auer als Hausdame, Juliane Köhler als Effis Mutter und Sebastian Koch in der Rolle des Ehemanns, der seiner angeblich geliebten Frau den sogenannten Fehltritt nicht verzeihen kann. Dabei ist spannend, dass keiner der Akteure die Figuren denunziert, sondern ihre Engstirnigkeit als Ergebnis ihrer gesellschaftlichen Prägung deutlich macht.

Nach der von der Kritik überwiegend negativ aufgenommenen Kinoversion von Thomas Manns „Buddenbrooks“ beweist „Effi Briest“, dass eine Literaturverfilmung sehr wohl im besten Sinne modern und heutige Lebensvorstellungen spiegeln und dabei den Gehalt der Vorlage wahren kann. Das Schönste an diesem Film: Nicht nur Kenner des Romans dürften mitunter zu Tränen gerührt sein. Tränen, deren sich niemand zu schämen braucht, denn der Film rutscht in keinem Moment in den Kitsch ab.

www.berlinale.de

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