„Die Weltherrschaft ist am spektakulärsten“

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Dr. Thomas Grüter
Dr. Thomas Grüter

Verschwörungstheorien sind der Stoff, aus dem packende Thriller entstehen. Wenn ein Dan Brown über die Illuminaten schreibt, kann er auf jahrhundertealte Überlieferungen bauen, dass gewisse Gruppen mit finsteren Absichten geheime Pläne verfolgen. Andere, wie die Autoren der so genannten „Bielefeldverschwörung“, ziehen diese Überzeugungen ins Lächerliche. Ulrich Mendelin hat sich mit Dr. Thomas Grüter, Autor des Buches „Freimaurer, Illuminaten und andere Verschwörer“ über den Glauben an Verschwörungen unterhalten.

SZ: Herr Grüter, Sie bezeichnen den Glauben an Verschwörungen als normales menschliches Denken. Warum?

Thomas Grüter: Menschen externalisieren gerne Fehler. Ihre Erfolge schreiben sie es sich selbst zu, an ihren Misserfolgen sind äußere Umstände schuld daran. Sind keine äußeren Umstände sichtbar, dann sind sie eben absichtlich versteckt worden. Außerdem neigen Menschen dazu, die eigene Gruppe für besser zu halten als andere Gruppen. Für Missgeschicke der eigenen Gruppe werden deshalb gerne andere Gruppen verantwortlich gemacht.

SZ: Warum halten manche Menschen trotz aller rationalen Gegenargumente an ihrem Verschwörungsglauben fest?

Grüter: Menschen, die aktiv Verschwörungstheorien ausarbeiten, sind nicht unbedingt geisteskrank. Sie haben sich meist einfach verrannt. Unter den Hexenverfolgern beispielsweise waren sehr gebildete Leute. Wenn Sie erst einmal ihren Ruf in ihre Theorien investiert haben, wird es immer schwieriger für sie, davon noch abzurücken. Wenn man einmal für eine Haltung bekannt ist oder sogar damit identifiziert, steht man schlecht da, wenn man davon abrückt.

SZ: Warum hält sich die Theorie, dass die US-Regierung beim Anschlag auf das World Trade Center ihre Finger im Spiel gehabt habe, so hartnäckig in der Welt?

Grüter: Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen war die Bush-Regierung ein beliebtes Feindbild bei Linken in Europa und in der Dritten Welt, aber auch bei amerikanischen Linksintellektuellen. Dabei fällt auf, dass Bush abwechselnd als geradezu dämonisch geschickt und als strohdumm dargestellt wurde. Zum anderen war der Anschlag vom 11. September 2001 ein sehr komplexes Ereignis -- es war lange vorbereitet, mindestens 20 Leute waren involviert, es zog sich über Stunden hin. Dass es zu Ungereimtheiten in Berichten und Protokollen kommt, ist ganz normal. Viele europäische Linke standen außerdem auf dem Standpunkt, dass die Araber unterdrückt werden und Anschläge nur als Selbstverteidigung ausführen. Da hat der 11. September nicht ins Weltbild gepasst. Menschen akzeptieren lieber hochkomplizierte Theorien, die mit dem eigenen Weltbild übereinstimmen als einfache Erklärungen, die es infrage stellen. Weltbilder haben ein hohes Beharrungsvermögen.

SZ: Freimaurer, Jesuiten und Juden, CIA und Mossad sind die üblichen Verdächtigen. Warum tauchen sie in so vielen Verschwörungstheorien immer wieder auf?

Grüter: Es sind Gruppen, die fast überall bekannt sind, und sie stehen für eine bestimmte Summe von Eigenschaften. Von allen wird behauptet, sie hätten einen ungeheuren und unsichtbaren Zusammenhalt. Damit entspricht ihr Stereotyp, also das gängigste Vorurteil ihnen gegenüber, dem, was ich als Dämonenstereotyp bezeichne: überall präsent, unsichtbar und stets bereit, Böses zu tun.

SZ: Der deutsche Geheimdienst taucht dagegen in Verschwörungstheorien nicht auf.

Grüter: Das Bild des Bundesnachrichtendienstes in der Öffentlichkeit passt nicht mit dem Dämonenstereotyp zusammen. Der BND hat keinen James Bond mit der Lizenz zum Töten. Er wird in der Öffentlichkeit außerdem kaum wahrgenommen.

SZ: Häufig spielen die Illuminaten bei Verschwörungstheorien eine prominente Rolle, nicht nur beim Bestsellerautor Dan Brown. Dabei gibt es sie überhaupt nicht mehr. Sie sind also weder präsent noch mächtig.

Grüter: Die Verschwörungstheorien über die Illuminaten kommen aus dem angelsächsischen Raum. Der amerikanische Prediger Samuel Morse hat 1798 die Illuminaten für die Französische Revolution verantwortlich gemacht und behauptet, sie seien jetzt in den USA aktiv um die Religion zu vernichten. Er habe sogar eine Liste der Mitglieder. Das hat eine Hysterie ausgelöst, die allerdings auch recht schnell wieder abklang. Von da an haben immer wieder andere Autoren von ihm abgeschrieben. Das lässt sich bis heute verfolgen.

SZ: Verschwörungstheoretiker unterstellen den vermeintlichen Verschwörern vorzugsweise, die Weltherrschaft anzustreben. Geht‘s nicht auch mal ein paar Nummern kleiner?

Grüter: Es geht auch kleiner -- aber die Weltherrschaft ist eben am spektakulärsten. Sie anzustreben, wird traditionell den Juden angelastet. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ -- eine russische Fälschung aus dem Jahre 1903 -- sollen das untermauern. Dass Pamphlet geistert noch heute durch antisemitische Verschwörungsschriften. Die heutige deutsche Rechtsesoterik hat die Vorwürfe gegen Juden und Illuminaten verschmolzen und behauptet eine Zusammenarbeit beider Gruppen oder unterstellt, die Illuminaten seien eine jüdische Erfindung.

SZ: Was macht die „Bielefeldverschwörung“ so populär?

Grüter: Sie ist eine gelungene Satire auf das Genre der Verschwörungstheorien, ebenso wie beispielsweise das Evangelium vom fliegenden Spaghetti-Monster die Religion karikiert. Beide machen sich einen Jux daraus, die Auswüchse dieser Bereiche ins Lächerliche zu ziehen und so ihre Absurdität bloßzulegen.

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