Die Verschwundenen von Mexiko: Leid ohne Ende

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Verschwunden
Angehörige halten 2016 bei einer Demonstration Bilder der 43 vermissten Studenten hoch. (Foto: Emilio Espejel/NurPhoto via ZUMA Press / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Andrea Sosa Cabrios

Der Sohn von Luz María Durán arbeitete in einer Gärtnerei im Norden Mexikos. Der Mann von Lilia Fragoso war Schweißer in einem Bergwerk. Wie die Beiden sind in Mexiko Tausende Menschen auf mysteriöse Weise verschwunden.

„Die Gesellschaft will nicht sehen, dass es etwas ist, das tagtäglich passiert“, sagt Fragoso in dem kleinen, ziegelrot gestrichenen Wohnzimmer ihres Hauses in der Stadt Chihuahua im gleichnamigen Bundesstaat im Norden des Landes. Die Region ist stark von den Vorfällen betroffen.

Erst vor gut einer Woche, am 10. Mai, - dem mexikanischen Muttertag - waren die Mütter und Frauen zahlreicher Verschwundener in Mexiko-Stadt auf die Straße gegangen, um Wahrheit und Gerechtigkeit zu fordern. Viele der mysteriösen Vorfälle werden der organisierten Kriminalität zugeschrieben, andere den Sicherheitskräften. Die Mehrheit der Opfer sind Männer und Jugendliche.

Drei Filmstudenten im Bundesstaat Jalisco, 43 Lehramtsstudenten der Pädagogischen Hochschule von Ayotzinapa in Guerrero, elf Polizisten aus Apodaca in Neovo León, eine junge Frau, auf dem Heimweg von einem Sportturnier in Coahuila - die Liste der Verschwundenen des vergangenen Jahrzehnts ist lang. 2017 allein verschwanden 4975 Menschen, in diesem Jahr wurden bereits 341 Verschwundene gemeldet.

Fragosos Ehemann David Fuentes verschwand zusammen mit fünf anderen im Februar 2013. Ein Augenzeuge habe berichtet, sie seien von einer bewaffneten Bande mitgenommen worden. Nur wenige Tage später wurde eine weitere Gruppe von Bergmännern entführt. Ohne eine Spur, ein Motiv oder eine Leiche lässt sich der Schmerz nicht verarbeiten. „Es ist etwas, über das man nicht hinwegkommt. Zu sagen, es ist schon fünf Jahre her, es ist vorbei, das schaffen wir einfach nicht“, sagt die 41-Jährige. Eine Träne läuft ihre Wange herab.

Es sei viel bequemer, die Menschen verschwinden zu lassen, statt sie zu töten, sagt Oscar Enríquez. Er ist katholischer Pfarrer und Direktor des Menschenrechtszentrums Paso del Norte in Ciudad Juárez, ebenfalls Bundesstaat Chihuahua, an der Grenze zu den USA. Denn wenn es eine Leiche gäbe, erklärt Enríquez, gäbe es auch offizielle Ermittlungen. Ein Verschwundener dagegen löse sich einfach in Luft auf. „Das Verschwinden führt zu dauerhaftem Leid und setzt sich in den Familien fort“, sagt der Pfarrer.

Nur manchmal kennt man die Gründe für das Verschwinden: eine Verwechslung, eine Warnung, eine Vergeltungsmaßnahme oder Rivalitäten zwischen Banden. Einmal tauchen verkohlte Leichen auf oder zermahlene Knochen, ein anderes Mal versteckte Gräber oder biologische Spuren in der Nähe von Säurebehältern - wie erst vor einigen Wochen, als die drei Filmstudenten von Mitgliedern eines Drogenkartells verschleppt und getötet worden waren.

Duráns Sohn Israel Arenas war erst 17, als er 2011 zusammen mit drei anderen Arbeitern der Gärtnerei von der Verkehrspolizei in Juárez im Staat Nuevo León festgenommen wurde. Die Freunde hatten kein Geld, um in einer Bar ihr Bier zu zahlen. Die Wirtin rief die Bande Los Zetas zur Hilfe, die sie beschützte. Die Polizisten waren mit der Bande verbündet. Ihr Bruder sah, wie sie in Handschellen gelegt wurden. Das war das Letzte, was man über sie weiß. Einer der Beamten wurde wegen Entführung zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt, ein anderer ist flüchtig. Über den Verbleib der Jugendlichen ist nichts bekannt.

„Vermutlich haben sie sie „gekocht“, aber via DNA haben sie nichts gefunden“, sagt Durán in ihrer Gärtnerei voller Pflanzen und Blumen nahe der Stadt Monterrey. Mit „gekocht“ meint sie das Auflösen von Leichen in Säure, um keine Spuren zu hinterlassen. Sie zeigt Zeitungsausschnitte, die sie aufbewahrt hat, über ihren Sohn, über Grabfunde, über Inhaftierte.

Dem Generalstaatsanwalt César Augusto Peniche zufolge sind im Staat Chihuahua bisher 2402 Menschen verschwunden - mehr als 80 Prozent von ihnen sind Männer. 40 Prozent davon waren zum Zeitpunkt ihres Verschwindens zwischen 25 und 35 Jahren alt. 2017 wurden in Chihuahua rund 400 namenlose Leichen begraben. Zudem gibt es kistenweise Fragmente verkohlter Knochen. Einige davon werden gerade untersucht, bei anderen gibt es keine Chance auf eine Identifizierung.

Ein im Oktober verabschiedetes Gesetz weckt bei den Angehörigen der Opfer etwas neue Hoffnung. Es verfügt die Einrichtung einer landesweiten Personensuche mit einem nationalen Register, spezialisierten Staatsanwälten und einheitlichen Vorgehensweisen. Seine Verabschiedung erntete viel Lob. Doch jetzt muss es auch umgesetzt werden.

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