Die Raketenfrau: Romina Grolla behauptet sich bei den Gebirgsjägern

Lesedauer: 10 Min
Ruth van Doornik

Es war eine Entscheidung nach dem Coolnessfaktor. Als Romina Grolla nach dem Einstellungstest der Bundeswehr in München gefragt wurde, ob sie sich lieber mit Fernmeldetechnik oder Panzerabwehrraketensystemen beschäftigen wolle, überlegte sie nicht lange. „Ich dachte: Wenn ich in 20 Jahren beim Klassentreffen bin, hört sich ein Job mit Raketen eindeutig besser an,“ erinnert sich die 30-Jährige und grinst.

Damals war sie gerade mal 18 Jahre alt, liebte Pferde und kam direkt von der katholischen Mädchenschule in Altötting zur Armee. Bereut hat die Oberbayerin aus Burgkirchen an der Alz diese Bauchentscheidung nie.

Soldatin Romina Grolla, Hauptfeldwebel bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall, kümmert sich um schweres Geschütz
Soldatin Romina Grolla, Hauptfeldwebel bei den Gebirgsjägern in Bad Reichenhall, kümmert sich um schweres Geschütz (Foto: Hans-Rudolf Schulz)

Sie konnte sich in der Männerdomäne behaupten: Mittlerweile ist Romina Grolla die einzige Soldatin, die bei der Bundeswehr die Panzerabwehrwaffen „Milan“ und „Tow“ instand setzt – und im Nordirak Peschmerga-Kämpfer ausbildet. Das macht die 1,74 Meter große Frau mit den blonden langen Haaren zur Vorzeigekandidatin. Denn Frauen sind zwar keine Seltenheit mehr bei der Bundeswehr – von den knapp 180 000 Soldaten sind aktuell fast 21 300 weiblich. Mit ihrer Karriere im Technikbereich ist Hauptfeldwebel Grolla aber noch immer eine Exotin: Knapp 40 Prozent der Soldatinnen gehören dem Sanitätsdienst an. Typischen Frauenberufen eben.

Draußen Bergpanorama, drinnen Linoleum

Romina Grolla sitzt in ihrem Feldanzug im Stabsgebäude der Gebirgsjägerbrigade 23 in der Hochstaufen-Kaserne in Bad Reichenhall. Draußen Bergpanorama, drinnen Linoleum. Im Rückblick kann sie ihre Laufbahn manchmal kaum fassen. „Im Sportunterricht war ich die Königin der Entschuldigungsschreiben und wenn’s auf den Berg ging, habe ich schon nach fünf Minuten gefragt, ob wir nicht das Auto nehmen können.“ Ihr Umgangston ist locker – obwohl ein Presseoffizier das Gespräch aufmerksam verfolgt.

Ich dachte: Wenn ich in 20 Jahren beim Klassentreffen bin, hört sich ein Job mit Raketen eindeutig besser an“

Von Soldaten hielt Romina Grolla als Mädchen nicht viel: „Ich dachte, das sind eh nur rangelnde Männer.“ Einmal selbst der Truppe anzugehören? „No way.“ Ihre Mutter habe sie dann zu einer Ausbildungsmesse in Mühldorf geschleppt.“ Romi, wie Freunde sie nennen, ging widerwillig hin, aber begeistert vom Stand der Bundeswehr nach Hause. „Ich hatte schlicht keine Ahnung, wie viele Berufe hier gefragt sind“, erzählt Grolla. Kurz darauf verpflichtete sie sich für 16 Jahre, landete beim Heer und machte eine Ausbildung mit staatlichem Abschluss zur Elektronikerin für Geräte und Systeme. Auch Grollas Schwester hat sich verpflichtet. Sie ist Operationstechnische Assistentin im Bundeswehrkrankenhaus in Ulm.

Auch Männer tratschen

Beweisen muss sich Romina Grolla selbst nichts mehr. Anderen schon. Kameraden unterschätzten die junge Frau gerne mal. „Wenn ein Soldat bei einer Unterweisung denkt, er braucht mich nicht, warte ich einfach ab. Irgendwann kommen alle mit fragendem Blick und bitten um Hilfe.“ Dass im Berufsalltag der Umgangston manchmal rauer ist, stört Grolla nicht. „Mir war schon klar, dass es hier anders zugeht als im Nagelstudio. Aber ich sage nur: Auch Männer können tratschen.“ Und andersherum: „Das Schlimmste an meiner Grundausbildung war eine Frau.“

Aus der Bahn, das merkt man ihr an, wirft die 30-Jährige so schnell nichts. Selbstbewusstsein gehört zu ihrem Job allein unter Männern. Mit zwei weiteren Kollegen des Gebirgsversorgungsbataillon 8 kümmert sie sich an den Standorten Bad Reichenhall, Mittenwald und Füssen um die Wartung der Waffensysteme „Tow“ und „Milan“. Immer wieder ist sie mit ihrer mobilen Werkstatt aber auch bei Manövern unterwegs. Jüngst bei der multinationalen Übung „Hedgehog“ im Süden Estlands. Vor jedem scharfen Schuss prüft die Expertin die Waffen. „Die Funktionsweise und die Reichweite beider drahtgelenkter Systeme sind ganz ähnlich. Bei beiden kann die Flugrichtung durch elektronische Impulse nach dem Abschuss noch beeinflusst werden, beide können immensen Schaden anrichten“, erklärt Grolla.

Einsatz im Nordirak

Das amerikanische Waffensystem „Tow“ hat eine Reichweite von 3000 Metern und wird auf das Kettenfahrzeug „Wiesel“ montiert. Die knapp 30 Kilo schwere deutsch-französische Panzerabwehrlenkrakete „Milan“ wird von den Soldaten meist getragen. Sie hat eine Reichweite von 2000 Metern. Die kurdischen Peschmerga-Soldaten im Nordirak feiern die Lenkrakete als Wunderwaffe im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). „Manche nennen sogar ihre Kinder Milan“, erzählt Grolla. Im Januar kam sie von einem viermonatigen Einsatz aus der Krisenregion zurück.


 Arbeitsplatz mit Gebirgspanorama: Romina Grolla tut ihren Dienst in Bad Reichenhall.
Arbeitsplatz mit Gebirgspanorama: Romina Grolla tut ihren Dienst in Bad Reichenhall. (Foto: Hans-Rudolf Schulz)

„Eigentlich war ich für Mali eingeplant, genauso wie mein Verlobter.“ Zwei Monate vor dem Abflug nach Gao wurde der Plan geändert und die Waffenexpertin vergangenen September als Einzelabstellung in den Irak geschickt. „Da habe ich schon erstmal geschluckt. Aber mir war klar: Wenn wir diese Zeit überstehen, dann passen wir wirklich zueinander.“

Weihnachten bei den Peschmerga-Kämpfern

Auf dem Stützpunkt in Erbil zeigte sie als Mitglied der sogenannten Military Training Unit (MTU) den kurdischen Widerstandskämpfern, wie die Waffe aufgebaut und Fehler behoben werden können. „Natürlich gab es da anfangs skeptische Blicke. Denn Frauen stehen dort in der Regel nicht am Rednerpult, sondern hinterm Herd“, sagt Grolla.

Ich sehe mich als Unterstützerin für meine Kameraden. Damit sie funktionierende Waffen haben und im Ernstfall ihr Leben verteidigen können.“

Aber schnell hatte sie sich den Respekt verdient: Von den Peschmerga gab es zum Abschied eine Schatulle mit einem silbernen Schriftzug in kurdischer Schrift. Er steht in ihrer Werkstatt. „Grob übersetzt heißt das so viel wie: Danke für die Ausbildung. Milan ist toll.“ Umgehauen habe sie die Kameradschaft in Erbil. „Wir haben uns gegenseitig extrem gut unterstützt.“ Und an Weihnachten gab es sogar Punsch, Plätzchen und einen Gottesdienst, den Romina Grolla mitgestaltet hat. „Ich spiele Gitarre und singe unglaublich gerne.“

Bei der Frage, ob sie auch manchmal den Sinn der Bundeswehreinsätze hinterfragt, zögert Romina Grolla. Dafür springt der Presseoffizier ein: Es sei die Politik, die dies bewerten müsse. Und die Soldatin ergänzt: „Ich sehe mich als Unterstützerin für meine Kameraden. Damit sie funktionierende Waffen haben und im Ernstfall ihr Leben verteidigen können.“

Die „Firma“, wie sie die Bundeswehr nennt, ist nach fast zwölf Jahren auch ein Stückchen Heimat für Romina Grolla geworden. Längst kämpft sie gegen die Vorurteile an, die sie früher selbst hatte – und für mehr Frauen bei den Streitkräften. „Das würde der Truppe guttun. Weil unser Führungsstil anders ist und gemischte Teams sich besser ergänzen.“

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen