Die Nobelpreisträgerin liest: Ein Lottogewinn für Bielefeld

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Olga Tokarczuk in Bielefeld
Olga Tokarczuk zu Beginn ihrer Lesung in der Stadtbibliothek Bielefeld. (Foto: Friso Gentsch/dpa / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Carsten Linnhoff

Es war wie ein Sechser im Lotto, doch der stellvertretende Leiter der Bielefelder Stadtbibliothek verglich den Leseabend mit Olga Tokarczuk nicht mit Glückspiel, sondern mit sportlichen Welterfolgen.

„Das ist eine grandiose Geschichte und wie ein WM-Titel für die Stadt“, sagte Klaus-Georg Loest am Donnerstagabend, kurz bevor die frisch vermeldete polnische Literaturnobelpreisträgerin aus einem schwarzen Volvo stieg und von Oberbürgermeister Pit Clausen (SPD) begrüßt wurde.

Am Mittag hatte die Schriftstellerin von ihrer Ehrung per Anruf aus Stockholm erfahren. Dass sie auf ihrer Lesetour für ihr neues Buch „Die Jakobsbücher“ auch in Ostwestfalen Station macht, stand seit Monaten fest. Auf ihrem Weg von Berlin nach Bielefeld hatte sie am Ende noch im Stau gestanden. Für den letzten Kilometer brauchte sie gefühlt Stunden. Vor der Bibliothek hatte sich längst eine ungeduldige Menschentraube aus Medien und städtischen Mitarbeitern gebildet. Unter den Journalisten auch viele, die Polnisch sprechen.

„Das ist ein sensationelles Zusammentreffen. Nobelpreisträger haben wir hier nicht so oft. Und das dann auch noch am Tag der Bekanntgabe“, schwärmte Clausen und führte den Gast die Stufen hoch in einen Raum, der für eine improvisierte Pressekonferenz hergerichtet worden war. „Für Bielefeld ist es eine große Ehre, Sie an diesem Tag hier begrüßen zu dürfen“, sprach der OB auf Englisch.

„Thank you so much“, sagte Tokarczuk bescheiden und stellte sich den Fragen der Journalisten. Nach 20 Minuten eine kurze Unterbrechung. Die englische BBC hatte sich für eine Live-Schalte angemeldet.

Dass die Bielefelder nicht komplett überrascht wurden, verriet Clausen am Rande. „Es gab ja am Mittwoch erste Gerüchte. Wir wussten ja, dass sie auf der Kandidatenliste stand“, sagte das Stadtoberhaupt.

Und für den Leiter der Bibliothek ist die Schriftstellerin aus Polen eine alte Bekannte. Loest schwärmt von ihrem „Magischen Realismus“. Wie oft und wann Tokarczuk bereits in Bielefeld aus ihren Werken gelesen hat? „2004 und 2011“, sagte Loest ohne nachzudenken und fügte hinzu, aus welchen Büchern sie vor 15 und 8 Jahren gelesen habe. „Und Sie können sich vorstellen, wie wir bei der Übertragung am Mittag gezittert haben“, sagte Loest. Seit Tagen sei ja mit ihrem Namen weltweit spekuliert worden. „Und wir haben uns sehr gefreut. Und die Freude galt nicht der Entscheidung zu Peter Handke“, sagte der Gastgeber unter lautem Beifall. Der Österreicher Handke ist Literaturnobelpreisträger des Jahres 2019, während Tokarczuk rückwirkend für 2018 ausgezeichnet wurde.

Mit Herta Müller, Preisträgerin des Jahres 2009, war auch schon eine andere Nobelpreisträgerin in der Stadt. Aber eben erst später, wenige Monate nach ihrem Triumph. Und Müller las 2010 in der Uni Bielefeld, nicht in der städtischen Bibliothek.

Dort machte Olga Tokarczuk mit 30 Minuten Verspätung vor mehreren Hundert Zuhörern nur ihren Job, wie sie zuvor bescheiden in der Pressekonferenz gesagt hatte: Sie las aus ihrem neuen Werk. Zum ersten Mal als Literaturnobelpreisträgerin.

Link zur Akademie, die die Nobelpreise vergibt

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