„Die Katze und der General“ am Thalia: Abend gegen den Krieg

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Deutsche Presse-Agentur
Ulrike Cordes

Die Schriftstellerin Nino Haratischwili weitet das Blickfeld ihrer Leser in Richtung Südosteuropa. In ihrem Roman „Das Achte Leben (Für Brilka)“ machte die in Georgien geborene und in Hamburg lebende Autorin mit den politischen und sozialen Umwälzungen in ihrem Heimatland bekannt.

Daraus formte Regisseurin Jette Steckel 2017 am Hamburger Thalia Theater eine opulente fünfstündige Bühnenversion, die Furore machte. Zur Eröffnung der Thalia-Spielzeit 2019/20, präsentiert Steckel eine Dramatisierung von Haratischwilis 764-Seiten-Erzählung „Die Katze und der General“ über die Tschetschenienkriege der 1990er Jahre.

Die Resonanz des Publikums bei der dreieinhalbstündigen Uraufführung in Anwesenheit der Autorin geriet zwiespältig. Etliche Besucher gingen in der Pause, die anderen spendeten am Ende langanhaltenden Applaus. Der mag nicht allein den Leistungen des Teams (Textfassung: Julia Lochte und Emilia Heinrich mit der Regisseurin) geschuldet gewesen sein - sondern auch dem Ernst und der Zeitlosigkeit des Themas am Vorabend des 80. Jahrestags des Beginns des Zweiten Weltkriegs. Der Roman, der es auf die Shortlist zum Deutschen Buchpreis schaffte, handelt von den grauenhaften Taten im Krieg, vor allem von deren Langzeitwirkungen: Traumatisierung, Verdrängung von Schuld und existenziell Tragischem, das daraus entsteht.

Ein eindrucksvoll unwirtliches Ambiente dafür schuf der Bühnenbildner Florian Lösche. Auf die dunkle, kahle Bühne lässt er in immer neuen Formationen Mauern auf den Boden senken. Mauern, die den Beteiligten einengende Räume schaffen. Die zudem für Störungen in und zwischen den Individuen sowie in den geschichtlichen Abläufen stehen. Im Riesenbild vergießt darüber eine „Mater Dolorosa“ ihre zeitlosen Tränen. Die folgenden schwarz-weiß gehaltenen Szenen werden von historischen Filmaufnahmen ergänzt. Sie sind oft in dichten Nebel gehüllt, in dem wenige Neonlichter grell aufscheinen. Dazu peitscht Musik (Mark Badur).

Im Nebel setzt auch die Handlung des Politik-Thrillers mit magischen Elementen ein. In bäuerlich altmodischer Kleidung läuft die blutjunge Nura (Lisa Hagmeister) durch ihr unsichtbares Dorf. Das Mädchen will weg aus der trostlosen nordkaukasischen Umgebung, träumt sich in die Rolle der Heldin einer Soap Opera. Symbol der Wünsche ist einer der einstmals beliebten Zauberwürfel, der im Laufe des Abends immer wieder auftaucht. Nuras Leben endet bald als Vergewaltigungs- und Mordopfer in den Händen russischer Soldaten, die den Aufstand tschetschenischer Rebellen niederschlagen sollen.

Die folgende verschlungene Geschichte spielt auf mehreren Zeitebenen - bis ins Berlin der Gegenwart. Zusammen hält die Szenen Onno Bender (André Szymanski), ein deutscher Journalist, der über russische Oligarchen schreibt. Im „General“ genannten Alexander Orlow (Jirka Zett) ist er einem der Täter auf der Spur. Orlow kompensiert seine ihm lange verborgenen Schuldgefühle erfolgreich mit dem Streben nach Macht und Reichtum. Bis auch ihn so etwas wie sein Schicksal mit Wucht einholt. Derweil pinselt der Erzähler Onno mit Farbe Orts- und Zeitangaben an die Stellwände. Damit hilft er dem Zuschauer, der den Roman nicht gelesen hat, nur bedingt weiter.

Denn lange bleibt die verwinkelte Geschichte buchstäblich im Dunkeln, erst im zweiten Teil fügen sich die Ereignisse zusammen. Man muss also Geduld aufbringen, um in die Handlung einzudringen und die Botschaft zu hören. Die kommt überdies gerade gegen Schluss recht allgemein und lehrhaft daher, wofür eine Dialogzeile wie „Das letzte Argument der Diktatur ist die Kugel“ als Beispiel dienen mag.

Thalia-Theater

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