Brandstifter gehen um - Profiler erklärt: So ticken die Feuerteufel

Der Zwang zum Zündeln
Serienbrandstifter treiben vermehrt ihr Unwesen. (Foto: pr)
Redakteur

Nur 400 Meter liegen zwischen Wohngebäude und Viehstallungen des Hofes in Hochemmingen (Schwarzwald-Baar-Kreis) und der Scheune mit den Erträgen des Sommers. 400 Meter, das ist in dieser Septembernacht genau die Entfernung, die den Unterschied ausmacht zwischen einem Unglück und einer Katastrophe. „Die Scheune war bis unters Dach mit Heu gefüllt“, berichtet die 63-jährige Landwirtin des Anwesens. „Und plötzlich hat sie lichterloh gebrannt.“

Die Hofbewohner eilen sofort herbei, die Polizei ist schon vor Ort, kurz danach rückt die Feuerwehr an, retten lässt sich das Lagerhaus samt der Ernte aber nicht mehr. „Wenn dem Vieh etwas passiert wäre, oder gar uns, daran mag ich gar nicht denken“, sagt die Frau. Von einer Katastrophe zwar verschont, bleibt von jener Schreckensnacht jedoch nur noch ein schwarzes Holzgerippe, ätzender Brandgeruch – und ein Gefühl der Ohnmacht. Denn offenbar schleicht jemand um die Häuser und legt Feuer. „Es ist furchtbar. Aber wir müssen von Brandstiftung ausgehen.“

Es brennt immer nachts

Wie der Familie aus Hochemmingen geht es derzeit vielen Landwirten, vor allem im benachbarten Kreis Tuttlingen, seit dem 12. August mehren sich die Einsätze von Feuerwehr, Rotem Kreuz und THW. Erst war es eine Scheune in Neuhausen ob Eck, dann eine in Ippingen, in Mühlheim brannte ein Silo, manchmal fackelt auch nur ein Holzstapel ab. Aber immer kommt der Täter in der Nacht. Und immer schlägt er in abgelegenen Gebieten und in landwirtschaftlichem Umfeld zu.

Rund ein Dutzend Vorfälle dieser Art untersucht die Polizei inzwischen auf Brandstiftung. „Wir gehen davon aus, dass ein Teil davon auf einen Serientäter zurückgeht“, sagt Polizeisprecher Marcel Ferraro, der seine Aussagen mit Bedacht wählt. Um sicher zu sein, werten die Ermittler nun Spuren aus, vergleichen Tatorte, suchen nach Parallelen und Mustern. „Aus den vielen Teilen müssen wir ein Puzzle zusammensetzen“, erklärt Ferraro, der um die Sensibilität des Themas weiß: „Die Vorfälle verunsichern natürlich ein Stück weit die Bevölkerung.“ Und hinterlassen auch tiefgreifende Spuren, wie Wilhelm Schöndienst, Obmann des Kreisbauernverbandes Tuttlingen, sagt: „Die Landwirte sorgen sich. Die Angst geht um, das ist ja klar.“

Feuerwehrleute nervös

Die Nervosität hat längst auch die Feuerwehren erfasst, die an ihre Grenzen geraten, wie Andreas Narr, Kreisbrandmeister in Tuttlingen, berichtet. „In den vergangenen Wochen kamen die Einsätze oft in kurzen Abständen“, sagt Narr. „Das erhöht den Druck.“

Auch weil die Männer mit teils gefahrvollen Brandlagen konfrontiert werden, kräftezehrend, über viele Stunden. Und immer zur Schlafenszeit. „Die Ehrenamtlichen werden von null auf hundert alarmiert.“ Gehen schon ins Bett, mit dem Gedanken im Hinterkopf: „Was passiert wohl diese Nacht?“

Das betrifft auch den Landwirt aus Hochemmingen, dessen Scheune abgebrannt ist. Als Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr findet er aktuell keinen ruhigen Schlaf, wie seine Frau berichtet: „Erst kürzlich wurde mein Mann nachts zu einem Einsatz in Rottweil gerufen. Der war fix und fertig. Die psychische und emotionale Belastung ist enorm“, klagt die 63-Jährige.

Zum innerlichen Stress kommen die körperlichen Strapazen, die auch nach den Löscharbeiten nicht aufhören. Dann müssen Schläuche, Atemschutzgeräte und Schutzanzüge sorgsam gereinigt und überprüft werden. Denn der nächste Einsatz kommt bestimmt, vielleicht schon in der Nacht darauf. „Das ist sehr anstrengend“, sagt Narr.

Vorfälle auch in Weingarten und Markdorf

Zufall oder nicht, aber was auffällt: Auch anderswo halten derzeit Brandserien die Einsatzkräfte in Atem. So musste im oberschwäbischen Weingarten die Feuerwehr innerhalb weniger Wochen bereits rund 20-mal zu Flächenbränden ausrücken. Immer im selben Gebiet und meist Feuer, die sich zwar schnell löschen lassen, aber die Rettungskräfte über Stunden binden. Ein Verdächtiger konnte bis heute nicht ermittelt werden.

Anders als in Markdorf, als es im Frühsommer in einer Nacht gleich dreimal brannte, mit dramatischen Folgen. Nach einem Bauwagen eines Waldkindergartens und einer Scheune ging auch eine Stallung in Flammen auf, zwei Pferde starben, zudem verbrannten Bienenstöcke samt ihrer Völker und eine Reihe historischer Fahrzeuge. Die Bewohner konnten sich zwar vor den Flammen retten, der Schaden von rund 350 000 Euro gefährdet jedoch ihre Existenz. Den mutmaßlichen Täter, ein 26-jähriger Mann aus Markdorf, nahm die Polizei noch in der Nacht fest, die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Anklage erhoben wegen Brandstiftung in einem schweren Fall.

Feuerwehrmann verhaftet

Einen Fahndungserfolg vermeldete kürzlich auch die Polizei in Villingen-Schwenningen, die einen Mann verhaftet hat, der im Verdacht steht, in den vergangenen Jahren für gleich mehrere Großbrände verantwortlich zu sein. Er soll Mitglied bei der Freiwilligen Feuerwehr sein.

In diesem Fall erfüllt sich womöglich ein Volksglaube, wonach sich Feuerwehrleute gerne ihre Einsätze selber schaffen. Das Phänomen gibt es zweifellos, allerdings bei Weitem nicht in der unterstellten Häufigkeit, wie der Polizeipsychologe Adolf Gallwitz erklärt: „Nur 0,3 Promille der Brandstifter sind Feuerwehrleute – also drei unter 10 000.“ Die Feuerwehr, so Gallwitz, achte sehr genau darauf, wen sie in ihren Kreis aufnimmt und schließt im Zweifel eine Person auch frühzeitig wieder aus. „In einer solchen Gemeinschaft merkt man, wie die Leute ticken.“

Oft geht es um Versicherungsbetrug

Gallwitz, langjähriger Professor an der Hochschule für Polizei in Villingen-Schwenningen und einer der renommiertesten Profiler im Land, weiß, dass hinter Verbrechen dieser Art oft ganz banale Gründe stecken: „Die meisten Brandstifter sind Versicherungsbetrüger.“ Die manchmal als Trittbrettfahrer auch Brandserien nutzen, in der Hoffnung, bei der Vielzahl der Fälle nicht aufzufallen.

Einen schwindend geringen Anteil unter Brandstiftern macht dagegen der klassische Pyromane aus. Der krankhaft und aus einer Störung der Impulskontrolle heraus handelt. „Bei diesen Menschen steigt die innere Spannung so stark an, dass sie das Gefühl haben, etwas tun zu müssen. Legen sie dann einen Brand, geht es ihnen für eine Weile wieder gut.“ Bis sich die Spannung erneut entladen muss.

Tödliches Feuer Mitte der 1990er-Jahre

Gallwitz erinnert sich an einen spektakulären und furchtbaren Fall im Südwesten Mitte der 1990er-Jahre. „Der Täter hat damals mehrere Wohnhausbrände gelegt und zwar immer so, dass der Fluchtweg für die Menschen versperrt war.“

Oftmals sind das junge Männer, die nicht unbedingt aus der Mitte der Gesellschaft kommen.

Adolf Gallwitz

Aufmerksame Bewohner konnten zwar wiederholt Schlimmeres verhindern, nicht aber bei einem Gebäudebrand in Stuttgart, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen, darunter eine Frau, die im achten Monat schwanger war. Nach langwierigen Ermittlungen nahm die Kripo schließlich einen 26-jährigen Esslinger fest, er wurde wegen Mordes, versuchten Mordes sowie besonders schwerer Brandstiftung zu 15 Jahren Gefängnis plus Sicherungsverwahrung verurteilt.

„Eine schlimmere Brandkatastrophe ist in Friedenszeiten kaum vorstellbar“, hieß es damals im Urteil, das Gericht sprach von einer schweren seelischen Abartigkeit im Zusammenhang mit Borderline-Störungen. Dass bei dem Täter Bekennerschreiben mit Hakenkreuzen und Nazisprüchen gefunden wurden, werteten die Richter nur als Versuch, Beachtung und Aufmerksamkeit zu erhalten.

Wut, Hass, Eifersucht

Fälle wie diese bleiben extreme Ausnahmen, ein labiler und brüchiger Charakter liegt häufig aber auch bei minderen Taten vor. Wenn es um Wut, Hass oder Neid geht, um Eifersucht und Zurückweisung. Wenn es für Ärger im Job, Frust im Alltag oder Liebeskummer keine Bewältigungsstrategien gibt. Auch dann braucht es ein Ventil für den seelischen Druck.

„Oftmals sind das junge Männer, die nicht unbedingt aus der Mitte der Gesellschaft kommen, Einzelgänger, die sozial im Abseits stehen“, erklärt Gallwitz. Die aus ihrer inneren Isolation heraus einen zwanghaften Geltungsdrang entwickeln. Und dabei der Faszination der Flammen erliegen.

„Feuer hat für alle Menschen etwas Archaisches und Elementares“, erklärt der Psychologe. Und für manche auch etwas Machtvolles. Wenn aus Gebäuden meterhoch die Flammen schlagen, Sirenen aufheulen und Menschen in Panik geraten, könne bei gestörten Persönlichkeiten das Gefühl entstehen: „Die kommen alle nur wegen dem, was ich gemacht habe. Jetzt endlich, jetzt bin ich jemand.“

Polizei filmt Schaulustige

Reiz und Selbstbestätigung werden aber nur erfüllt, wenn der Täter seine Taten auch miterlebt, wenn er Zerstörung und Leid verfolgen kann, weshalb bei zweifelhaften Bränden die Polizei routinemäßig Filmaufnahmen von den Schaulustigen macht. Welchen Hintergrund die Brände in Tuttlingen haben, ist noch unklar. Da die Objekte meist abseits liegen und in der Nacht brennen, ließe sich das Drama ohnehin auch von der Ferne gut beobachten. Diese Umstände machen es den Ermittlern nicht leicht und erschweren auch den Schutz der Gebäude. „Viele Landwirte überlegen schon, Wildkameras aufzustellen“, berichtet Bauernobmann Wilhelm Schöndienst.

Daran denkt auch die Familie aus Hochemmingen, deren Ernte in den Flammen aufging. „Wildkameras würden uns aber 1000 Euro kosten“, rechnet die Landwirtin vor. Immerhin, den Brandschaden zahlt die Versicherung und benachbarte Landwirte helfen mit Stroh und Korn aus. Die Solidarität tut gut, die Bauern rücken zusammen. Und warten. Auf gute Nachrichten, auf einen Fahndungserfolg der Polizei. Auf das Ende von Ohnmachtsgefühlen und schlaflosen Nächten.

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