Deutsches Politdrama „Sturm“ erster Bären-Favorit

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Deutsche Presse-Agentur

Der erste Bären-Favorit kommt aus Deutschland. Das Politdrama „Sturm“ von Hans-Christian Schmid traf den Nerv des Berlinale-Publikums.

Eindringlich und spannend erzählt Schmid („Requiem“, „Lichter“) in seinem Thriller von der schwierigen juristischen Aufarbeitung der Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien. Mit Jubel und langem Applaus wurde der Film am Samstagabend von den Zuschauern der 59. Internationalen Filmfestspiele (bis 15.2.) gefeiert. Schmid, der „wahnsinnig glücklich“ über das Echo war, bedankte sich auch beim UN-Tribunal in Den Haag. „Wir haben dort viele, viele Unterstützer gefunden“, sagte er.

„Sturm“ ist einer von zwei deutschen Beiträgen im Wettbewerb um den Goldenen Bären. Am Montag zeigt Maren Ade („Der Wald vor lauter Bäumen“) die tragikomische Beziehungsgeschichte „Alle Anderen“. Birgit Minichmayr und Lars Eidinger sind darin als ungleiches Paar zu sehen, das sich in einem Sardinien-Urlaub mit sich selbst quält.

Mit viel Applaus wurde am Samstagabend auch der außer Konkurrenz laufende Film „John Rabe“ des deutschen Oscar-Preisträgers Florian Gallenberger aufgenommen. Ulrich Tukur spielt die Titelrolle in der Geschichte über den nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geratenen „guten Deutschen von Nanking“. Der Hamburger Kaufmann rettete 1937 während des japanischen Überfalls auf China das Leben von rund 250 000 Chinesen.

Deutsche Filme sind auf der diesjährigen Berlinale in den verschiedenen Festivalreihen so stark vertreten wie nie zuvor. Von den knapp 400 Regiearbeiten aus aller Welt sind rund 90 Streifen deutsche Filme oder deutsche Koproduktionen. Am Montagabend hat die Fontane-Verfilmung „Effi Briest“ mit Julia Jentsch in der Hauptrolle in der Berlinale-Spezial-Reihe Premiere. Dort wird auch „Hilde“ mit Heike Makatsch als Hildegard Knef gezeigt.

In „Sturm“ spielt die Neuseeländerin Kerry Fox („Intimacy“) eine Anklägerin am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Sie schafft es, eine in Berlin lebende Bosnierin (Anamaria Marinca) davon zu überzeugen, dass sie vor dem Gericht gegen einen mutmaßlichen serbischen Kriegsverbrecher aussagt. Er hat den Befehl für Massenvergewaltigungen und Erschießungen von geschändeten Frauen gegeben.

Kurz vor der entscheidenden Verhandlung gegen den früheren Befehlshaber der jugoslawischen Volksarmee merkt die Juristin Hannah Mayard, dass ihre Gegner nicht nur auf der Anklagebank sitzen. Auch in der Richterschaft scheint nicht jedem daran gelegen zu sein, die wahren Verbrechen in all ihrem Ausmaß aufzudecken - und EU-Politiker wollen die Aufnahmeverhandlungen mit Bosnien nicht belasten.

Sein Film sei als Plädoyer für die Arbeit des UN- Kriegsverbrechertribunals zu verstehen, sagte Schmid. „Wir kritisieren, dass das Gericht so unter Zeitdruck steht.“ Der Regisseur forderte eine Verlängerung des Tribunals über das Jahr 2010 hinaus. „Der Zeitdruck ist vor allem für die Zeugen sehr belastend.“

Schmid erzählt die fiktive Geschichte chronologisch, gibt ihr mit einer bestimmten Stilform aber sehr viel Dynamik: „Der ganze Film ist mehr oder weniger mit Handkamera gedreht“, erklärte Schmid. Er habe damit den Schauspielern die Möglichkeit geben wollen, sich so frei wie möglich zu bewegen. Gedreht wurde in englischer Sprache. In der Rolle eines EU-Beamten ist auch der schwedische Schauspieler Rolf Lassgard zu sehen, der in Deutschland wegen seiner Darstellung des Kommissars Wallander populär ist.

Mit Beifall wurde im Wettbewerb auch das iranische Gesellschaftspanorama „Über Elly“ von Asghar Farhadi aufgenommen. Der Film erzählt mit exzellenten Schauspielern von einem Wochenendausflug mit dramatischen Folgen. Dabei wird dem Zuschauer die unterschiedliche Stellung von Frauen und Männern im Iran bewusst. Kontrovers diskutiert wurde „Ricky“ von Francois Ozon aus Frankreich. Er erzählt von einem Baby, dem Engelsflügel wachsen. Der für Uruguay startende Film „Gigante“ von Adrián Biniez dagegen ist ganz auf dem Boden der Tatsachen. Die ruhige Studie über Einsamkeit zeigt einen Wachmann, der sich in eine Putzfrau verliebt. Die Bären-Gewinner werden am 14. Februar bekanntgegeben.

www.berlinale.de

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