Deutsches Filmhaus in Wiesbaden wird eröffnet

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Deutsche Presse-Agentur

Anke Wilkening steckt die Spule auf den Wickelteller, legt den Celluloidstreifen um allerlei Umlenkrollen, justiert hier und da, und schon flimmert ein tadellos epilierter Siegfried inmitten haariger Höhlenbewohner auf dem Bildschirm.

„Die Nibelungen“ ist ein Klassiker der deutschen Kinogeschichte, doch mit seinen über 80 Jahren bedarf er einer Generalüberholung. Er bekommt sie derzeit bei der Wiesbadener Murnau-Stiftung, und am Mittwoch lassen sich die Restauratoren bei einem Tag der offenen Tür über die Schulter schauen. Anlass ist die Eröffnung des Deutschen Filmhauses heute Mittag. In dem 7,5 Millionen Euro teuren Neubau finden viele Einrichtungen des deutschen Films eine neue Heimat. Zur Eröffnung soll Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) sprechen.

Das Filmhaus in der Nähe des Hauptbahnhofs wird künftig etwas sichtbarer machen, dass Hessens Landeshauptstadt auch ein wichtiger Ort der deutschen Filmwirtschaft ist. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg siedelten sich in Wiesbaden Ateliers, Produzenten und Verbände an, Anfang der 50er Jahre drehten hier Stars wie Johannes Heesters und Lieselotte Pulver.

Geblieben sind aus jener Zeit eine Reihe von Institutionen, die bislang über die Stadt verstreut waren und nun zusammenziehen. Im Filmhaus residieren künftig etwa der Dachverband SPIO (Spitzenorganisation der Filmwirtschaft) und die Freiwillige Selbstkontrolle (FSK), die Altersfreigaben erteilt - jede Produktion, die Kinder und Jugendliche als Zuschauer finden will, läuft deshalb vor ihrem Kinostart erst einmal in Wiesbaden zur Begutachtung.

Damit ist der Vorführsaal des Filmhauses tagsüber weitgehend ausgelastet. Deshalb ist die Filmbewertungsstelle (FBW) - sie vergibt die Prädikate „wertvoll“ und „besonders wertvoll“ - im Biebricher Schloss geblieben, wo sie ihren eigenen Vorführraum hat.

Als neuer Sitz der Murnau-Stiftung wird das Filmhaus auch so etwas wie das Gedächtnis der deutschen Kinotradition sein. Die Stiftung besitzt rund 6000 Filme aus den ersten Tagen der bewegten Bilder bis in die 60er Jahre. Darunter sind Leinwand-Mythen wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“, „Der Blaue Engel“ und „Große Freiheit Nr. 7“ - und „Metropolis“: Fritz Langs Science-Fiction-Stummfilm von 1926 ist das zweite große Restaurationsprojekt der Stiftung. Erst 2008 wurde in einem argentinischen Museum eine bisher unbekannte Verleihfassung mit verschollen geglaubten Szenen und Sequenzen entdeckt: „30 Minuten, die seit 80 Jahre gesucht worden sind“, sagt Anke Wilkening.

Seit dem Fund besteht Hoffnung, die Ursprungsversion rekonstruieren zu können. Anke Wilkening kann dazu den Computer- Schnittplatz einer ebenfalls im Filmhaus untergebrachten Postproduktions-Firma nutzen. Derzeit ist man beim Abgleich der Szenen: Links zeigt der Flachbildschirm eine frühere Rekonstruktion aus dem Jahr 2001, im rechten Fenster läuft eine provisorische Digital-Kopie des argentinischen Materials. Schlieren und Kratzer zeigen den schlechten Zustand des 16-Millimeter-Negativs.

Die Möglichkeiten, die Bilder elektronisch aufzupolieren, seien begrenzt, sagt die Filmwissenschaftlerin. Flackern und Ruckeln ließen sich behutsam glätten: „Aber mit den Laufstreifen - da werden wir an unsere Grenzen kommen.“ Dafür ist sie zuversichtlich, den Originalschnitt wiederherstellen zu können. Dabei helfen ihr alte Standfotos, das Drehbuch und die Partitur der Filmmusik, die Stichwörter wie etwa „Explosion“ enthält. So lässt sich der betreffende Takt ziemlich genau einem bestimmten Bild zuordnen.

Die Metropolis-Partitur ist auch Teil einer Raritäten-Schau, die das Filmhaus bis Ende Mai ausstellt. In weiteren Hauptrollen zu sehen: Expressionistische Skizzen zu „Dr. Caligari“ und Kulissen- Entwürfe für „Die Nibelungen“, Drehbücher und Programmhefte, Standfotos und Werbeplakate sowie Zensurkarten, die in den 20er Jahren das waren, was heute die FSK-Altersfreigaben sind. Für Restauratoren sind sie wichtig, weil sie oft die einzigen Hinweise auf die Originallänge enthalten.

www.murnau-stiftung.de

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