Deutscher Produzent: Teilnahme in Venedig tolle Bestätigung

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Roman Paul und Gerhard Meixner
Die Filmproduzenten Roman Paul und Gerhard Meixner freuen sich während der Verleihung des 64. Deutschen Filmpreises im Jahr 2014. (Foto: Jens Kalaene / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Interview: Aliki Nassoufis

„The Perfect Candidate“ von Haifaa Al Mansour ist einer von nur zwei Filmen im diesjährigen Venedig-Wettbewerb, bei dem eine Frau Regie führte.

Das Werk über eine junge Ärztin in Saudi-Arabien ist eine deutsche Koproduktion: Gerhard Meixner und Roman Paul produzierten mit Razor Film „The Perfect Candidate“ zu entscheidenden Teilen. Ein Interview mit Gerhard Meixner vor der Premiere des Films am Donnerstagnachmittag.

Frage: Sie haben für den gefeierten Film „Das Mädchen Wadjda“ schon einmal mit der Regisseurin Haifaa Al Mansour zusammengearbeitet. Was hat Sie gereizt, einen Film aus Saudi-Arabien mitzuproduzieren?

Antwort: „Das Mädchen Wadjda“ war der erste Spielfilm, der jemals in Saudi-Arabien gedreht wurde und dazu von einer Regisseurin inszeniert. Das hat uns damals natürlich sehr gereizt, ausschlaggebend aber war die Geschichte, die die Autorin und Regisseurin Haifaa Al Mansour erzählen wollte, die uns wie beim jetzigen Film „The Perfect Candidate“ faszinierte und die uns als sehr relevant erschien. Über Saudi-Arabien wussten wir damals auch nicht mehr als die meisten anderen. Um mögliche Klischeefallen zu vermeiden, beschlossen wir daher, erst einmal Land und Leute kennenzulernen, und machten eine Reise nach Riad und einige andere Orte. Und siehe da, das Land hatte natürlich wesentlich mehr zu bieten als Sand und Öl. Einmal etwas tiefer eingetaucht erschloss sich uns eine interessante Kultur mit aufgeschlossenen, sympathischen Menschen. Und Haifaa Al Mansour ist eine humorvolle und intelligente Frau mit viel Energie und dem Willen, der Welt die saudische Kultur und Gesellschaft etwas näher zu bringen und dazu Frauen und ihre Schicksale in den Mittelpunkt zu stellen und mit ihren Filmen etwas zu bewegen. Das alles hat uns damals wie heute überzeugt.



Frage: Welche Erfahrungen des ersten Projekts haben Ihnen dieses Mal geholfen?

Antwort: Wenn man in einem Land arbeiten möchte, das so anders als das unsere ist, muss man die Bereitschaft mitbringen, sich auf eine komplett andere Kultur einzustellen. Es gibt andere Codes und andere Mechanismen, wie beispielsweise Entscheidungen getroffen werden. Das muss man erst einmal lernen, was nicht von heute auf morgen geht. Wir haben daher versucht, viele der Teammitglieder vom „Wadjda“-Dreh auch jetzt wieder mitzunehmen und auf den Erfahrungen von damals aufzubauen. Eine dieser Erfahrungen war, damals wie heute, dass man in Saudi-Arabien viel Geduld mitbringen und gleichzeitig Raum für Spontaneität lassen muss. Für den Dreh eines Kinospielfilms mit großer deutscher Crew, bei dem alles minutiös vorausgeplant werden muss, keine so leichte Sache.



Frage: Bei „Das Mädchen Wadjda“ musste die Regisseurin bei Drehorten außerhalb der Studios ihre Anweisungen mit Hilfe eines Walkie-Talkies etwas versteckt aus einem Kleinbus geben. Welche Herausforderungen gab es nun bei diesem Dreh?

Antwort: Zum Glück hatten wir dieses Problem diesmal nicht mehr, dafür waren die Dreharbeiten ungleich komplexer als bei „Wadjda“. Zum einen aufgrund der höheren Anzahl von Schauplätzen, zum anderen auch, weil es anspruchsvolle Szenen im Film gibt, die viele Komparsen erforderten. Dazu gehören glamouröse Hochzeitsveranstaltungen, die dort in der Regel mit Hunderten von Eingeladenen gefeiert werden, aber auch Live-Auftritte unserer saudischen Band im Film vor vielen Zuschauern und an besonderen Orten - Sie werden es sehen. Im Übrigen hat es bis vor Kurzem keine öffentlichen Musikdarbietungen in Saudi-Arabien gegeben, es gab sie nur im Privaten, insofern ist dieser Film wieder sehr aktuell. Und die Musik allein ist schon einen Besuch des Films wert!



Frage: Wie hat sich Saudi-Arabien aus Ihrer Sicht seit dem Dreh von „Das Mädchen Wadjda“ verändert - oder nicht verändert? Auch im Hinblick auf die Rolle der Frauen?

Antwort: Die Gesellschaft ist deutlich liberaler geworden, zumindest in den großen Städten. Zum Beispiel hatten wir eine Reihe junger saudischer Frauen in unserem Team, ohne die wir den Dreh so nicht hätten realisieren können. Meist ausgebildet in Europa und den USA, mit perfektem Englisch und gut organisiert, verändern sie mit ihren Zielen und Bedürfnissen die saudische Gesellschaft von innen heraus. Auch konnten wir diesmal weibliche Teammitglieder aus Deutschland mit nach Saudi-Arabien nehmen, was vor sieben Jahren nicht möglich war, da nicht-verwandte Männer und Frauen keinesfalls zusammen arbeiten sollten.



Frage: Dieser Film ist der erste, der vom neugegründeten Saudi Film Council unterstützt wurde. Wie war die Zusammenarbeit für Sie als Ko-Produzenten? Gab es Vorgaben oder Einschränkungen?

Antwort: Vorgaben oder Einschränkungen von Seiten des Saudi Film Councils hat es zu keiner Zeit gegeben. Das hätten weder Haifaa Al Mansour noch wir mitgemacht. Uns war wichtig, dass wir das Drehbuch so umsetzen konnten, wie es geschrieben war. Im Gegenteil hat der Saudi Film Council bereits frühzeitig versucht, uns zu unterstützen, beispielsweise bei der Suche nach Darstellern und geeigneten Drehorten.



Frage: Wie wichtig ist die Teilnahme im Wettbewerb von Venedig?​

Antwort: Unser Ziel war es, einen berührenden Kinofilm herzustellen, mit dessen Figuren man sich identifizieren kann, auch wenn sie aus einer ganz anderen Kultur stammen. Die Teilnahme im Wettbewerb von Venedig, einem der drei großen Top-Filmfestivals, ist eine tolle Bestätigung dafür, dass uns dies gelungen ist, und somit eine Anerkennung für die große Leistung der Regisseurin und aller anderen am Film Beteiligten.

Zudem erhält der Film über die Teilnahme mehr öffentliche Wahrnehmung bei Filmverleihern, Kinobetreibern, Sendern und anderen Auswertern und so die Chance auf ein großes Publikum, das damit eine andere Perspektive auf ein Land und seine aktuelle Situation erhält. Und darum geht es uns schließlich.

ZUR PERSON: Gerhard Meixner (53) gründete Ende 2002 gemeinsam mit Roman Paul die Razor Film Produktion, die unter anderem schon so gefeierte Werke wie „Waltz with Bashir“ und „Paradise Now“ produzierte. Beide Produktionen wurden mit einem Golden Globe ausgezeichnet und wurden für einen Oscar nominiert.

Webseite Razor Film

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