„Der Vorleser“ mit oscarprämierter Kate Winslet

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Deutsche Presse-Agentur

Bernhard Schlinks Weltbestseller „Der Vorleser“ ist nicht unumstritten. Die Verfilmung des Romans wurde denn auch mit besonderer Spannung erwartet. Noch stärker als das Buch dürfte der Film eine Debatte über die Frage anstoßen, wie freizügig Kunst mit den Schrecken des deutschen Faschismus und deren Folgen umgehen kann.

Der Roman über die in den 1950er Jahren angesiedelte Liebe eines Jungen zu einer Analphabetin, von der schließlich bekannt wird, dass sie KZ-Aufseherin war, erschien 1995 in Deutschland und 1997 in den USA. Das Echo war zunächst weitgehend positiv. Zahlreiche Preise und der Spitzenplatz auf der Bestseller-Liste der „New York Times“ festigten den Erfolg des Buches, das inzwischen in 39 Sprachen übersetzt wurde.

Erst relativ spät, im Jahr 2002, wurde heftige Kritik am Roman des Juristen und Rechtsphilosophen Schlink laut. So polemisierte beispielsweise der britische Schriftsteller und Sprachgelehrte Jeremy Adler, Professor für Deutsche Sprache am King's College London, mit Begriffen wie „sentimentale Geschichtsfälschung“ und „Kulturpornographie“ gegen das Buch.

Durch die am 10. Dezember schon in den USA und im Januar bereits in mehreren europäischen Ländern angelaufene Literaturverfilmung könnte die Debatte erneut aufflammen. Denn mit dem üppigen Einsatz gefühliger Musik und einem süßlichen Erzählton provoziert der Film in noch sehr viel stärkerem Maß als die literarische Vorlage die Frage, wie weit Einzelne, die in den Jahren 1933 bis 1945 an der millionenfachen Ermordung von Menschen durch die Nazis beteiligt waren, mit durchschnittlichen Maßstäben beurteilt werden können.

Zweifellos: Drehbuchautor David Hare und Regisseur Stephen Daldry, die vor sieben Jahren mit „The Hours“ einen Welterfolg hatten, bieten stilistisch reifes Kino. Die in Rückblenden erzählte Geschichte der sexuellen Erweckung des halbwüchsigen Michael Berg (David Kross, im Alter gespielt von Ralph Fiennes) durch die wesentlich ältere Straßenbahnschaffnerin Hanna Schmitz (Kate Winslet) ist zunächst erst einmal spannend. Diese Spannung resultiert vor allem aus dem exzellenten Spiel des deutschen Jungschauspielers Kross und der britischen Charakterschauspielerin Winslet, die dafür bereits einen Golden Globe und gerade eben einen Oscar erhielt.

Problematisch wird es, wenn der Film in der zweiten Hälfte die Vergangenheit Hannas als KZ-Aufseherin ins Zentrum rückt. Dies geschieht durch die ausführliche Darstellung des Kriegsverbrecherprozesses gegen sie aus der Sicht des Jungen, der inzwischen Jura studiert und zufällig als Zuschauer die Verhandlungen vor Gericht verfolgt. Hanna wird hier nur als Opfer gezeigt, zusätzlich dadurch ins Abseits gedrängt, dass sie weder lesen noch schreiben kann und nicht den Mut hat, dies öffentlich auszusprechen. Hier operiert der Film in Bild und Ton mit derart viel Sentimentalität, die der Roman nicht ausstrahlt, so dass die Behandlung des Themas „Schuld in der Nazidiktatur“ zweifelhaft und oberflächlich wirkt.

Wenn dann schließlich in langen Sequenzen gezeigt wird, wie Hanna im Gefängnis lesen und schreiben lernt und sich schließlich, durch die Kraft der Literatur, so wird es suggeriert, geläutert, Suizid verübt, verliert der Film die Hauptfigur und deren im Buch wesentlichen Konflikt völlig aus den Augen: Bei Schlink geht es nämlich insbesondere darum, wie weit sich der Junge durch sein Schweigen während des Prozesses und durch seine Hinwendung zu Hanna mitschuldig macht an dem Grauen, dass Deutschland in der Zeit des Faschismus über die Welt gebracht hat. Der Roman fragt, welche Verantwortung die Kinder und Enkel der Täter- Generation haben? Der Film stellt diese Frage nicht, sondern bietet Schluchzen und Tränen, untermalt von aufwühlender Musik.

Das tatsächlich Aufregende an der Geschichte verdeckt der Film durch seine kitschige Art und, so widersprüchlich das klingt, durch Kate Winslets grandioses Spiel: Die Schuld von Menschen, die sich nicht zu eigenständigem Handeln aufraffen können und damit die Grundlage von Menschlichkeit verraten, sondern schweigend mit dem Strom mitschwimmen. Insofern wurde hier die Chance für einen wirklich aufrüttelnden Spielfilm über ein wichtiges Thema vertan.

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