„Der von den Löwen träumte“ - Hemingways Krise in Venedig

Lesedauer: 5 Min
«Der von den Löwen träumte»
Ernest Hemingway in der Schreibkrise: „Der von den Löwen träumte“ von Hanns-Josef Ortheil. (Foto: - / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Julia Räsch

Franz Kafka hatte eine. Samuel Beckett ebenso. Und auch Ernest Hemingway musste sich mit ihr herumschlagen: Die Schreibblockade ist der Schrecken jedes Schriftstellers.

Hanns-Josef Ortheils neuer Roman „Der von den Löwen träumte“ beschreibt, wie Hemingway nach Venedig reist, immer in der Hoffnung, auf der Reise zu sich und wieder zu den Worten zu finden.

Denn Hemingway steckt 1948 in einer Lebenskrise. Nach außen strahlt er Vitalität und Energie aus. Er ist charismatisch, zieht Menschen an. Er liebt es, Bekanntschaften zu schließen, und genießt es, mit ihnen über das Leben, Kunst und gutes Essen zu sprechen. Innerlich ist er zerrissen, leidet an depressiven Episoden, Schreibblockaden und trinkt zu viel.

Seit zehn Jahren hat er keinen Roman mehr zu Papier gebracht. Der Zweite Weltkrieg, den er als Kriegsreporter begleitet hatte, hat ihn traumatisiert. Er sucht einen Ort, an dem er sich erholen kann und hofft, in der italienischen Lagunenstadt Ruhe zum Schreiben zu finden.

Hemingways Gedanken: „Diese Stadt ist eine ideale Kulisse für gute Laune, sie wird Dich mit allem versorgen, was Du jeweils so brauchst. Kaffee, Wein, eine Kleinigkeit zum Essen, Du wirst Dich treiben lassen und allmählich in sie hineinwachsen. Und wozu dient letztlich der Zauber? Nur und einzig dem Schreiben. Venedig wird Dir die schönen Schriftmanöver wieder beibringen, die in den Kriegsjahren von anderen Manövern zerstört worden sind.“

Seine vierte Frau Mary begleitet ihn auf der Reise. Sie hatte die Idee zu einem Ortswechsel. Der Schriftsteller ist zu Lebzeiten schon ein berühmter Mann, und so bleibt seine Ankunft in Venedig nicht unbemerkt. Er wird von einem windigen Reporter erwartet.

Sergio Carini ist ein Paparazzo wie er im Buche steht - noch bevor das Wort für diese Art von Journalisten überhaupt erfunden war. Er heftet sich sofort an Hemingways Fersen, schreibt Artikel über ihn, übertreibt maßlos und spannt auch seine restliche Familie ein - seinen Sohn Paolo, seine Tochter Marta und seine Ehefrau Elena. Am Ende hofft er mit einem Buch über die Begegnung mit dem großen Autor Hemingway Profit zu schlagen. Auf einem seiner Streifzüge durch die Stadt entdeckt der Schriftsteller unterdessen eine junge Italienerin, Adriana Ivancich, gerade 18 Jahre alt, die ihn von der ersten Sekunde an bezaubert. Das Zusammentreffen all dieser Leute in Venedig wird das Leben aller Beteiligten verändern.

Im Mittelpunkt von Hanns-Josef Ortheils neuem Roman stehen Freundschaft, Genuss, das Meer und die Stadt an der Lagune. Die Geschichte hat einen wahren Kern. Hemingway war tatsächlich in Venedig, wohnte im Hotel Gritti, trank in Harry's Bar und schrieb ein Buch, in dem eine blutjunge und wunderhübsche Italienerin eine zentrale Rolle spielte. Das Ende seiner Schreibkrise machte den Weg aber vor allem frei für den Welterfolg „Der alte Mann und das Meer“.

Der Thomas-Mann-Preisträger Ortheil erzählt ruhig und unaufgeregt, wie der weltberühmte Amerikaner zwischen viel Gin und Valpolicella zu seinen Worten zurückfindet. Dabei lässt er Nebenfiguren viel Raum. Das liest sich flüssig und gefällig, dennoch hat der Roman streckenweise auch deutliche Längen.

- Hanns-Josef Ortheil: Der von den Löwen träumte, Luchterhand, 352 Seiten, 22,00 Euro, ISBN- 978-3630874395.

Der von den Löweb träumte

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen