Der Ikarus aus Dresden

Lesedauer: 12 Min
Bernd Hauser

35 Jahre nach seinem vereitelten Fluchtversuch aus der DDR und 29 Jahre nach dem Mauerfall will Michael Schlosser beweisen, dass er mit seinem selbstgebauten Flugzeug tatsächlich hätte fliegen können

Michael Schlosser, 74, ein stämmiger Mann mit grauem Haarschopf und buschigen Brauen, reißt am Zugseil. Einmal, zweimal. Aber der Motor bockt, will nicht anspringen. Der Zweizylinder aus einem alten DDR-Trabant bildet den Antrieb des Fluggeräts, das Schlosser selbst gebaut hat. Rumpf und Tragflächen aus Aluminium blinken im Abendlicht.

Männer in billigen T-Shirts und mit teuren Pilotenuhren stehen um Schlossers Eigenbau herum, manche mit einer Flasche Bier in der Hand: Die Mitglieder des Fliegerclubs Langhennersdorf lassen nach Ausflügen mit ihren Ultraleichtflugzeugen über Felder, Wälder und Weiler des Osterzgebirges den Sonntag gemütlich ausklingen.

Doch Michael Schlosser hat seinen Jungfernflug mit dem Alu-Eigenbau erst noch vor sich. „Hat das Ding Bremsen?“, fragt einer der Piloten. „Nein“, sagt Schlosser. „Brauche ich nicht.“ Die Wölbung der Tragflächen sehe vernünftig aus, meint der stellvertretende Clubvorsitzende: „Abheben kann er bestimmt.“ Und landen? „Falls er Talent hat und ein Glückspilz ist, dann: Ja.“

In guter Tradition

Während Schlosser erneut am Zugseil reißt, fachsimpeln die Ultraleichtpiloten über den „Colditz Cock.“ So nannten Offiziere der britischen Royal Air Force im 2. Weltkrieg den Lastensegler, den sie heimlich bauten, als sie als Kriegsgefangene im Schloss Colditz interniert waren. Mit einem Katapultsystem sollte er starten und sie in die Freiheit tragen. Die Idee wurde nie in die Tat umgesetzt, denn bevor der Segler fertig war, befreite die US-Armee die Gefangenen von Colditz. Aber offenbar gibt es in der Gegend eine Tradition, dem Eingesperrtsein in Diktaturen auf dem Luftweg entfliehen zu wollen: Michael Schlosser hatte in der DDR Anfang der achtziger Jahre mit seinem Eigenbau einen ähnlichen Plan wie einst die englischen Offiziere.

Jetzt beginnt der Motor zu keuchen, nimmt Drehzahl auf. Der selbst geschnitzte Propeller aus Esche macht mächtig Wind, weht Schlosser den Haarschopf aus der Stirn: So sieht er verwegen aus. Ein tollkühner Mann in seiner fliegenden Kiste. Er will einen Rollversuch machen, also den Flieger bis auf Abhebegeschwindigkeit bringen. Nur das hat ihm der Fliegerclub erlaubt. Denn um richtig zu fliegen, bräuchte er einen Pilotenschein und die Maschine eine Zulassung des Luftfahrtbundesamtes, das wäre teuer und viel zu langwierig, meint Schlosser. Aber was spricht dagegen, beim Rollversuch ein bisschen mehr Gas zu geben? Wenn die Räder den Erdboden verlassen, das Gerät einen Hopser macht, hat er endlich den Beweis erbracht. „Es wurmt mich sehr, dass die Leute daran zweifeln“, sagt Schlosser: „Aber ich kann fliegen!“

Starten auf einer Waldlichtung

Denn schon einmal habe er ein flugtüchtiges Gerät gebaut, im Jahr 1983 in seiner Garage. Unter höchster Geheimhaltung. Seinen Wehrdienst hatte der Kfz-Meister in den DDR-Luftstreitkräften abgeleistet und sich dort manches abgeguckt. Außerdem zog er für aerodynamische Fragen das antiquarische Werk „Die Wunder des Segelflugs“ zu Rate. So nahm sein Fluggerät mit 265 Kilogramm Startgewicht in jahrelanger Arbeit Form an. Mit einer Fluggeschwindigkeit von 120 Kilometer pro Stunde wollte er damit aus der DDR fliehen. Auf einer Waldlichtung starten, über der beleuchteten A 9 den Eisernen Vorhang überqueren und dann auf der Autobahn bei Rudolphstein in Bayern landen. Früh morgens um 5 Uhr, wenn es dort kaum Verkehr gibt.

In der DDR hielt ihn nach seiner Scheidung nichts mehr. Außerdem war sein beruflicher Traum geplatzt: „Ich wollte eine eigene Kfz-Werkstatt.“ Der zuständige Genosse sagte: „Du musst zuerst in eine Partei eintreten.“

Kampf gegen den Vater

Schon als Kind hatte Schlosser renitent reagiert, wenn ihn jemand zu etwas zwingen wollte. „Mein Vater war überzeugter Kommunist“, erzählt Schlosser. Von ihm hat er wohl seine handwerkliche Begabung: Der Vater fabrizierte mit der Laubsäuge unentwegt SED-Logos für die Rednertribünen bei Parteiveranstaltungen. Am 17. Juni 1953, als Michael neun Jahre alt war, schlug die Sowjetarmee den Volksaufstand in der DDR blutig nieder. „Mein Vater verlangte, dass ich den Soldaten auf der Straße Blumen bringe“, erinnert sich Schlosser. „Aber ich wollte nicht.“ Der Vater prügelte ihn dafür. Als Michael zehn Jahre alt war, beendeten die Grosseltern den Kampf zwischen Vater und Sohn und nahmen den Jungen zu sich.

Die Generalprobe zur Flucht fand am frühen Morgen des 14. August 1983 auf einem Übungsplatz der russischen Streitkräfte statt. Doch als er den Flieger auf dem einsamen Gelände von seinem Laster abladen wollte, kam eine Gruppe Sowjetsoldaten aus dem Wald. „Ich arbeite fürs Fernsehen“, sagte er – was der Wahrheit entsprach: Der Kfz-Meister war Fuhrparkleiter im Studio Dresden des DDR-Fernsehens. Was nicht stimmte: dass er den Flieger für eine neue Serie testen müsste. Er zauberte zwei Flaschen Wodka hervor. Munter halfen ihm die Russen, den Flieger aufzubauen und setzten sich ins Gras. Schlosser beschleunigte – und hob ab. Zwei Meter hoch – dann musste er wieder auf den Boden, weil der Waldrand gefährlich näher kam. Die Soldaten gratulierten. So seine Erzählung.

Beweisen kann er diesen geglückten Versuch nicht – und zum Fluchtflug kam es nicht. Denn kurz vor dem geplanten Termin stutzte der Staatssicherheitsdienst „Ikarus“ die Flügel: So nannten die Stasi-Leute den DDR-Bürger Michael Schlosser bei ihren damaligen Ermittlungen gegen ihn. In der griechischen Mythologie erhob sich Ikarus mit Flügeln aus Wachs und Vogelfedern in die Lüfte – aber trotz Warnungen seines Vaters wurde er übermütig und kam der Sonne zu nahe; das Wachs schmolz, Ikarus stürzte ab.

Viereinhalb Jahre Gefängnis

Die DDR mochte keine übermütigen Bürger. Ein Kollege beim Fernsehen war „Informeller Mitarbeiter“ (IM) bei der Stasi. Er beobachtete, dass Schlosser sich in einem ungarischen Magazin für einen Bericht über Flugdrachen interessierte – und meldete ihn. Die Stasileute durchsuchten die Werkstatt, fanden das Flugzeug. Schlosser bekam viereinhalb Jahre Gefängnis wegen versuchter „Republikflucht“.

Zwar kaufte ihn die Bundesrepublik nach fünf Monaten Haft für 96 000 Mark frei und er konnte bei Ludwigshafen seine eigene Werkstatt eröffnen. Aber er war von Verhören und Gefängnis gezeichnet. Er kämpfte mit Migräne, in seinen Träumen rasselten Wärter mit Schlüsseln „und immer wieder stand Erich Honecker an meinem Bett“.

Im Alter von 60 Jahren kehrte er nach Dresden zurück. Nun machte er Führungen an der Stasi-Gedenkstätte, außerdem lud er regelmäßig den Nachbau seines Fliegers auf den Autoanhänger und besucht Schulen im gesamten Bundesgebiet, um seine Geschichte zu erzählen. „Die Kinder heute können sich diese Zeit schon gar nicht mehr vorstellen“, sagt Schlosser. „Ein Schüler fragte mich, warum ich nicht einfach auf dem Bahnhof eine Fahrkarte löste und nach München fuhr! Sie sind ganz selbstverständlich in die Freiheit geboren und haben keine Idee, was ein Reiseverbot ist und wie eingesperrt man sich fühlte.“ Allerdings scheint es, dass seine Arbeit als Zeitzeuge auch eine Art Selbsttherapie ist: „Seid ich meine Geschichte erzähle, geht es mir gesundheitlich besser.“ Aber erst mit dem Jungfernflug des Nachbaus kann Schlosser seine Vergangenheitsbewältigung endgültig abschließen.

Leichtere Tragflächen

Der Flieger ruckelt über die Graspiste. Mit 20, dann 30 Kilometer pro Stunde. Die Tragflächen wippen bedenklich. 35 Kilometer, 40 … plötzlich reißt es das Fluggerät herum. In eine enge Linkskurve, wie mit einer Riesenfaust gepackt, die Fliehkräfte heben Schlosser schier aus seinem Sitz. Dann erstirbt der Motor, das Flugzeug kommt zum Stehen. Stille.

Was ist passiert? „Da war wohl eine tiefe Bodenrille in der Piste“, erklärt Schlosser seelenruhig, als er aus dem Cockpit klettert. „Deshalb ist ein Bolzen an der Lenkung gebrochen.“ Lutz, einer der Ultraleicht-Piloten, geht auf Schlosser zu. „Mann, was du handwerklich kannst, ist eine reife Leistung. Aber es ist gut, dass die Stasi dich eingesperrt hat. Sonst hättste die Wende gar nicht erlebt!“ Der Propeller müsse schmaler und anders gebogen sein, meint Lutz, die Querruder müssten weiter nach außen. Vor allem aber müssten die Flügel mit Streben verstärkt werden: „Wenn dir bei einem Hopser die Tragfläche bricht, ist das Ding unkontrollierbar.“ Schlosser verteidigt sich: „1983 hatte ich andere Tragflächen. Die waren leichter.“ Die heutige Erfahrung lehre ihn, dass er den Flieger von 1983 exakt nachbauen müsse. Mit den leichteren Tragflächen. Auch den Trabant-Zweizylinder müsse er wieder frisieren, sodass er statt 28 PS satte 36 PS mache. „Mein Sternzeichen ist Wassermann. Die geben nicht auf“, sagt Schlosser und verspricht: „Ihr werdet mich auf diesem Flugplatz künftig öfter sehen.“

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