Der geplatzte Traum von den Millionen

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Schwäbische Zeitung

Spielsüchtiger, Millionär, Pleitier, Häftling, Psychiatrie-Insasse – Jürgen Netzer hat nichts ausgelassen und will jetzt alles anders machen.

Diesen netten Herrn, diesen großzügigen Mann Ende 30, den kennt hier im Casino natürlich jeder. Das Personal ist immer sehr zuvorkommend, denn der Herr spielt bloß mit großen Jetons. Und weil er nie Kleingeld dabeihat, fällt das Trinkgeld dementsprechend großzügig aus, selbst wenn er nur nach einer Tasse Kaffee verlangt. Draußen vor der Spielbank hat der Mann natürlich seinen eigenen Parkplatz, wobei es ihm niemand zumutet, sein Auto selbst dort abzustellen. Das übernehmen natürlich Bedienstete für ihn. Denn wer mit Einparken beschäftigt ist, kann kein Geld verspielen.

„Ahhh, guten Abend, Herr Netzer!“, flötet es aus jedem Mund, wenn der Österreicher im Schweizer Casino St. Gallen erscheint. Auch als der Herr Netzer 3,5 Millionen Franken gewonnen und im Anschluss jeden Rappen wieder verspielt hat, wahren doch alle die Fassung: er selbst, die Leute vom Casino – nur seine Familie ist wegen seiner Eskapaden auseinandergebrochen. Und Netzer sagt heute: „Mit allem, was ich getan habe, das Gute und das Schlechte, habe ich nie jemandem Schaden zufügen wollen.“

Schluss mit dem Spielen

Überhaupt versichert der inzwischen 42-Jährige, dass er seine Lektion gelernt habe. Mit dem Spielen sei Schluss, betont er, um im nächsten Moment vielsagend lächelnd gleich nachzuschieben: „Wobei ja das ganze Leben ein Spiel ist.“ Trotzdem. Glücksspiel sei passé. Vielleicht einmal eine Sportwette. Zum Spaß halt. Schließlich ist er gerade wieder Vater geworden. Von Kind Nummer 4, mit Frau Nummer 2. „Da habe ich schon großes Glück gehabt, so jemanden zu treffen“, sagt der Mann mit dem dünn werdenden Haar auf dem Kopf und der weitgehend schlanken Figur. Sein Gesicht hat sich eine gewisse Lausbubenhaftigkeit bewahrt. Und wenn er beteuert, dass er alles, was er je angepackt hat, nie in böser Absicht getan habe, dann glaubt man ihm das auch. Oder man will es zumindest.

Gezeichnet ist der Vorarlberger von seinem wilden Weg bis jetzt allerdings nicht besonders, obwohl sein abenteuerlicher Lebenslauf genau das nahelegt. Der Irrsinn des Glücksspiels beginnt für Netzer kurz nach der Volljährigkeit. Gemeinsam mit einem Verwandten beginnt er systematisch am Roulettetisch zu spielen. Und weil die beiden eigentlich kein eigenes Geld dafür haben, „leihen“ sie es sich übers Wochenende bei der Bank, bei der der Verwandte beschäftigt ist: Freitagabend Geld aus dem Tresor nehmen, um es am Montagmorgen wieder zurückzulegen. Das geht so lange gut, bis die beiden Vögel eine Pechsträhne haben. Die abenteuerliche Flucht des Bankangestellten ist eine Geschichte für sich, die alles andere als ein gutes Ende nimmt – Netzer selbst kommt aber mit Ach und Krach aus der Geschichte raus – und wendet sich nach seiner Autospengler-Lehre der Finanzbranche zu, um dort beruflich voranzukommen. Um echte Casinos macht er einen großen Bogen, lässt sich sogar zeitweise sperren.

Online-Spielhöllen ohne Sperrstunde

Aber er entdeckt das virtuelle Spiel für sich. Das Fatale: Online-Spielhöllen haben keine Sperrstunde und einen Ausweis will auch niemand sehen. Kreditkarte genügt. Als Netzer irgendwann 150 000 Euro verspielt hat, fliegt er schließlich auf. Seiner Frau gegenüber beteuert er, aufhören zu wollen. Zeitweise gelingt ihm das. Bis ein bewilligter Baukredit ihm erneut seinen Spielwahn finanziert und er das Geld nicht den Handwerkern gibt, sondern den Croupiers am St. Galler Spieltisch. Wieder ahnt die Familie zunächst nichts.

„Das war eine Zeit“, sagt Netzer und stößt einen tiefen Seufzer aus. Wenn seine Worte auch geläutert klingen – seine Augen funkeln heute noch immer, wenn er sich an diese wilden Zeiten erinnert, an ein Leben ohne Kompromisse, bis über beide Ohren mit Adrenalin geflutet. Von den Schattenseiten erzählt Netzer weniger ausführlich. Von den Depressionen, der Zerrissenheit, wenn wieder einmal alles verloren war und er das mühsame Leben eines Süchtigen aufnehmen musste, um neues Geld für den Sog des Spiels zu beschaffen.

Viel interessanter klingen natürlich die Geschichten, wie er nach dem großen Coup am Automaten den Jackpot mit 3,5 Millionen Franken Gewinn geknackt hat. Wie er sich den Gewinn weitgehend bar hat auszahlen lassen und wie die Geldbündel eingeschweißt in Plastikfolie auf seinem Beifahrersitz liegen. Wie er in die Porschevertretung spaziert, und dort einen 911er mit einem der Geldpakete bar bezahlt. Wie er ganze „Omnibusladungen Freunde“ hatte, denen er mit Geldbündeln ausgeholfen hat, „es war ja schließlich genug da“. Lange Zeit zum Genießen der Millionen hat er aber nicht. „Längstens ein Jahr“, antwortet Netzer auf die Frage, wie lange es gedauert hat, bis alles wieder weg war.

Probleme ignoriert

Im Hintergrund dieser wilden Geschichten, die einer seiner Anwälte auf Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ bestätigt, türmen sich Probleme auf, die Netzer aber nach Kräften zu ignorieren versucht. Etwa die Unregelmäßigkeiten in seinen Geschäften, um an Geld fürs Spielen zu gelangen. Die Probleme mit seiner Familie, die häusliche Situation, die sich zunehmend zuspitzt. Als alles Geld weg ist und nur noch alte wie neue Schulden übrig bleiben, bekommt auch die Fassade von Netzer Risse, bis der Zusammenbruch nicht mehr aufzuhalten ist. Netzer kommt in die Psychiatrie, beginnt eine Therapie. Draußen formieren sich seine Schuldner und bereiten Betrugsklagen gegen ihn vor. Und diese zeigen Wirkung: Das Landesgericht Feldkirch verurteilt ihn später zu 30 Monaten Haft.

Andererseits klagt Netzer selbst auch – und zwar gegen das Casino. Der Spielsüchtige beruft sich auf die Fürsorgepflicht, die eine Spielbank gegenüber ihren Gästen habe, wenn diese sich offensichtlich um Kopf und Kragen spielen. Die 3,5 Millionen Franken, die wie gewonnen, so zerronnen waren, bekommt er zwar nicht in voller Höhe. Immerhin eine sechsstellige Summe, mit der er wiederum seine Schuldner mit der teilweisen Rückzahlung seiner Verbindlichkeiten milde stimmen will – auch wegen des Betrugsverfahrens, bei dem er sich dadurch ein milderes Urteil erhofft.

Deprimiert stürzt er sich ins Glücksspiel

Doch der Plan geht nicht auf: Seine Ehe geht in die Brüche und das Gericht besteht auf der Haftstrafe. Deprimiert von diesen Ereignissen, stürzt er sich mit Teilen der Casino-Abfindung erneut ins Glücksspiel, pendelt zwischen Hotels und Table-Dance-Bars. „Ich habe nach der Trennung von meiner Frau einfach weibliche Nähe gesucht“, sagt Netzer in der Rückschau.

Parallel zu diesen Ereignissen ist auch die Geschichte, wie Netzer seine neue Frau kennengelernt hat, ein echtes Abenteuer: Als er in der Psychiatrie seine Spielsucht therapieren lässt, bekommt er eine Einladung zur Talkshow von Wieland Backes‘ Nachtcafé. Passender Titel der Sendung: „Lebenstraum Millionär“. Es bedarf ein paar Manövern, um schließlich vom Chef der Klinik – „man kennt sich“, sagt Netzer dazu – die Genehmigung zur Reise nach Stuttgart zu bekommen. Das Problem nur: Er braucht eine Begleitung. Zunächst ist es sein Rechtsanwalt, der mitkommen soll. Als dieser verhindert ist, bietet sich seine Anwaltsgehilfin an, die Netzer naturgemäß auch länger kennt und um die vogelwilde Vita des Mandanten weiß, ihn zu begleiten – ganz zur Freude des gerade frisch geschiedenen Mannes.

„Ich habe dann in Stuttgart auf ein Doppelzimmer umgebucht“, gesteht Netzer. Vor Ort nach der Talkshow hat das Schlitzohr vor seiner weiblichen Begleitung den Ratlosen gespielt. Das mit dem Zimmer sei eine Verwechslung durch das Hotel, höchst bedauerlich, selbstredend. Er werde natürlich auf dem Boden schlafen, wenn nötig in der Badewanne. Welche Schlafkonstellation am Ende in dieser denkwürdigen Talkshow-Nacht zum Tragen gekommen ist, lässt Netzer offen. Fakt ist, dass er die überaus attraktive Angestellte seines Anwalts schließlich geehelicht hat.

Wer heute mit Jürgen Netzer durch das Dornbirner Einkaufszentrum Messepark geht, um dort in einem Café seine Geschichte zu hören, kommt nur stockend voran. Denn jeder scheint ihn zu kennen. Vom Parkhaus bis zum Kaffeetisch schüttelt er viele Hände. Eine Reihe von Frauen fragt: „Und, wie geht‘s dir?“ „Gut, so weit“, sagt Netzer und lächelt. Auch die Bedienungen im Café kennen ihn. Und sie kennen seine Eskapaden. Wenigstens teilweise. Fast wirkt es so, als verkörpere Netzer die kleinen menschlichen Schwächen aller, die ein braves Leben führen. Er lebt sie für die anderen aus und bekommt daher für seine Kapriolen die Absolution.

Klage gegen den Staat

Im letzten Halbjahr hat Netzer als Anstreicher gearbeitet. „Ich musste wieder lernen, in ein geregeltes Leben zu kommen.“ Für die nächsten drei Monate ist aber erst einmal wieder Schluss damit. Netzer will sich wieder selbstständig machen. „Immobilien“, sagt er. Vielleicht schreibt er auch an seinem angefangenen Buch weiter. „So viel habe ich schon zusammen“, sagt er und deutet zwischen Daumen und Zeigefinger etwa zwei, drei Zentimeter an. Und er will wieder klagen vor Gericht. Diesmal gegen den Staat Österreich. Seine Haftzeit, über die Netzer lieber schweigt, weil sie ihn „unheimlich viel Substanz“ gekostet hat, sei zu lange gewesen.

Eine komplizierte juristische Geschichte. Und er selbst steht auch noch immer im Fokus der Justiz wegen Teilen seiner Vergangenheit, die ihn doch wieder einholen. Genauso wie alte Schulden. „Dem kommt man nicht aus.“ Vielleicht kommt er mit ein paar Monaten mit elektronischer Fußfessel davon. „Schließlich habe ich Verantwortung für meine Frau, für meine vier Kinder.“

Was das Schwierigste in dieser Phase für ihn sei? „Die Entwöhnung von großen Geldbeträgen, überhaupt das Gefühl für Geld wieder zu bekommen, das ist nicht leicht“, sagt ein nachdenklicher Jürgen Netzer beim Abschied im zugigen Parkhaus des Einkaufszentrums. Das sei sogar reichlich schwer: „Wenn es gut lief am Blackjack-Tisch, habe ich an einem Nachmittag ohne Weiteres 10 000 Euro Trinkgeld gegeben.“ Da fühle es sich komisch an, wenn im Geldbeutel manchmal nicht genug sei, um sich eine Tasse Kaffee zu leisten.

Ob so einer wie er etwas bereut? Ob er nicht Nächte lang wach liegt, wenn er an die vergeigten Millionen denkt, die er nicht hat festhalten können für sich, für seine Kinder, für seine Frau? Darüber verliert Netzer kein Wort, zuckt nur mit den Schultern. Zündet sich eine Zigarette an, geht, statt eine Antwort zu geben, ans klingelnde Handy, das den ganzen Vormittag schon bimmelt. Im gleichen Moment spricht ihn wieder eine Frau im Parkhaus an. „Wie geht’s dir, Jürgen?“ „Gut so weit“, sagt Netzer und winkt kurz zum Abschied.

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