Der erotische Blick - Johann Winckelmann

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Der erotische Blick - Johann Winckelmann
Johann Winckelmann (Jonas Müller-Liljeström) in der Bibliothek des Reichsgrafen von Bünau. (Foto: Christel Fromm / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Klaus Braeuer

Er war ein Büchernarr: Johann Joachim Winckelmann, geboren am 9. Dezember 1717 in Stendal, gestorben am 8. Juni 1768 in Triest, war ein deutscher Archäologe, Bibliothekar, Antiquar und Kunstschriftsteller in der Zeit der Aufklärung.

Er gilt als geistiger Begründer des Klassizismus im deutschsprachigen Raum. In der Dokumentation „Der erotische Blick - Johann Winckelmann“, die an diesem Samstag (20.15 Uhr) auf Arte zu sehen ist, wird sein viel zu kurzes Leben beleuchtet.

8. Juni 1768: In Triest an der oberen Adriaküste, im Hotel „Osteria Grande“, wohnt ein wohlhabender Reisender. Sein Zimmernachbar, ein arbeitsloser junger Koch namens Francesco Arcangeli, gilt als sein „allerengster Freund“, und wird von Winckelmann als Diener beschäftigt. Die beiden Herren verbringen die Abende stets gemeinsam, und der Koch staunt über die wertvollen Münzen, die der andere ihm offenherzig zeigt. Der 20 Jahre jüngere Mann sticht wenig mehrfach auf den 50-jährigen Schriftsteller ein und tötet ihn. Arcangeli wird kurz darauf gefasst und am 21. Juli 1768 hingerichtet.

Winckelmann wurde im altmärkischen Stendal (heute Sachsen-Anhalt) geboren, als Sohn eines armen Schustermeisters. Die Schule langweilte ihn, früh schon lernte er Griechisch und Latein. Später fand der Handwerkssohn vermögende Gönner, die sein Studium der Medizin und Anatomie finanzierten. Er hat seine Studien mehrfach abgebrochen, galt als rastloser Mensch, der im Zeitalter des Barock lebte, das ihm jedoch insbesondere in seiner Schwülstigkeit und Maßlosigkeit zuwider war. Winckelmann war eher den Kastratensängern zugetan, für deren Musik er sich ebenso begeisterte wie für die Sänger und sonstige junge Knaben.

Er musste sich alles hart erarbeiten - so beschreibt er in seinen Briefen die Studienjahre und die Tätigkeit als Lehrer nahezu durchweg als Fron- und Leidenszeit. Er kam mit wenig Schlaf aus und hatte auch Glück im Leben: 1748 wurde er zum Bibliothekar berufen, bei Heinrich Graf von Bünau auf Schloss Nöthnitz bei Dresden, wo er Herr über die 42 000 Bände umfassende, öffentlich benutzbare Privatbibliothek war. 15 Jahre später wurde er durch Papst Clemens XIII. zum Aufseher der Altertümer (Commissario delle Antichità) in Rom ernannt, wofür Winckelmann eigens zum katholischen Glauben übergetreten war.

Für Winckelmann war die Schönheit schlechthin das Maß aller Dinge, und so wurde er zu einem wahren Meister des guten Geschmacks. Sein wohl bekanntester Spruch lautet: „Edle Einfalt, stille Größe“, und er bewunderte die Kunst der stilsicheren Griechen, nicht zuletzt mit seinem Werk „Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst“ (1755). So ebnete er den Weg für den Klassizismus - seiner Ansicht nach sollten sich die Menschen und die Kunst von Rokoko und Barock distanzieren und vielmehr die griechische und römische Antike neu entdecken.

Autor Christian Feyerabend („Die Deutschen“) zeichnet ein gelungenes Porträt, bietet gründliche Einblicke in die Welt der Antike - und verliert sich etwas darin. So bleibt unerwähnt, dass Winckelmann zum einen die Einmaligkeit der griechischen Kunst betont, zum anderen ihre Nachahmung gefordert hat. Zu Wort kommen im Film Kunsthistoriker, Germanisten und die Oberkonservatorin der Dresdner Skulpturensammlung, Dr. Kordelia Knoll: „Winckelmann schrieb auch für die breite Bevölkerung, womit er großen Erfolg hatte. Durch seine schöne, poetische Schreibe hat er Geschichte geschrieben“, sagt sie.

Über seine Homosexualität, die in seinen Werken eine große Rolle spielt, hat Winckelmann stets erstaunlich offen gesprochen und sie wohl auch gelebt. Leider wurde sie ihm, gepaart mit etwas Naivität, vermutlich zum Verhängnis. Sein stundenlanges Sterben in einem kargen Hotelzimmer, bei klarem Verstand, bildet den Rahmen des Filmes, der immer wieder auch interessante Bögen in die heutige Zeit schlägt.

Der erotische Blick

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