Der Dreh zu „Slumdog Millionär“ in Mumbai

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Deutsche Presse-Agentur

Für den britischen Regisseur Danny Boyle waren die Dreharbeiten in der indischen Megametropole Mumbai für seinen Film „Slumdog Millionär“ eine ziemliche Umstellung.

„Man kann nichts kontrollieren, man kann nichts organisieren oder so vorgehen, wie man es gewohnt ist“, sagte Boyle bei der Vorstellung des mit acht Oscars ausgezeichneten Films in München. Wer das versuche, vergeude nur sein Geld. Boyle, selbst ein ausgesprochener Stadtmensch, empfand das Chaos aber als inspirierend. Er habe es sehr geliebt, in der „maximalen Stadt“ zu drehen. Am 19. März startet der Film über den Lebenskampf, den Aufstieg und die Liebe eines jungen Mannes, der in einem Slum in Mumbai aufgewachsen ist, in den deutschen Kinos. Boyle nahm in München zu einer Reihe von Fragen Stellung.

Mit welcher Einstellung sind Sie an die Dreharbeiten in Mumbai herangegangen?

Boyle: „Wir haben alles über Bord geworfen, Kontinuität, alles mögliche. Stattdessen haben wir uns dem Lebensgefühl der Stadt überlassen und versucht, die Geschichte des Films in der Stadt zu finden. Wenn wir an einem Tag mit dem Drehen fertig waren, waren wir nicht sicher, ob wir die ganze Szene im Kasten hatten. Wir mussten einfach vertrauen, dass alles da war, denn manchmal war alles so chaotisch. Doch was wir dafür im Gegenzug bekamen, ist unbezahlbar: Alles ist so voller Leben und Energie, alles pulsiert und das gibt es auch noch umsonst.“

In ihren bisherigen Filmen wie „Trainspotting“, „28 Days Later“ oder „Sunshine“ haben sie gerne Extreme thematisiert wie Drogenerfahrungen, Katastrophen oder gar das Ende der Welt. Welche Rolle nimmt „Slumdog Millionär“ in ihrem Werk ein?

Boyle: „Liebe ist das extremste aller Gefühle. Jamal ist von dem Mädchen verzaubert und würde alles für sie tun, alles ertragen. Er wird gefoltert, gedemütigt, bedroht, er nimmt für sie alles auf sich. Das erschien uns der einzige Weg, um das wahre Gesicht der Stadt zu zeigen, die so verrückt ist. Aber die Stadt kann auch unglaublich romantisch sein. Die Menschen dort sind total auf Bollywood eingeschworen. Sie haben haufenweisen männliche Stars, aber der eigentliche Zauber von Bollywood liegt in der Musik, den Liedern und dem Mädchen - egal von wem es dargestellt wird. Man kann das in der Stadt regelrecht spüren, die Stadt ist dieser Art von Filmen regelrecht verfallen.“

Wie hat sich das auf den Film ausgewirkt?

Boyle: „Wir mussten den richtigen Weg finden, um mit dieser maximalen Stadt umzugehen. Sie ist voller Extreme - außergewöhnlich, und das zeigen wir auch im Titel: "Slumdog Millionär". Man erlebt in der Stadt schreckliche Dinge: Man sieht zwar nicht, wie ein Kind geblendet wird, aber man sieht Leute, die aus reiner Profitgier absichtlich verstümmelt wurden. Damit muss man erstmal klar kommen. Moralisch ist das der Horror! Sehr schwierig, und einen Moment später tanzen alle schon wieder. Eigentlich sollte man meinen, man könnte diese Dinge nicht in einem Film vereinen, nicht wahr? Aber man muss es tun, denn in der Stadt existieren sie auch nebeneinander.“

Hatten Sie sich vor den Dreharbeiten mit Bollywood-Filmen beschäftigt?

Boyle: „Ich habe einige von ihnen gesehen, aber ich habe sie besser verstanden, als ich dann in Indien war. Die Arbeit mit den Schauspielern ist bei uns auf jeden Fall ganz anders, selbst wenn man mit großen Stars wie Leonardo di Caprio arbeitet. Sie sind den größten Teil des Jahres ohne Beschäftigung und wenn man sie engagiert, stehen sie einem ganz und gar zur Verfügung. In Bollywood ist das ganz anders. Die Schauspieler drehen vier oder fünf Filme zur gleichen Zeit, und dazu auch noch Werbespots, von Windeln bis zu Whiskey, einfach alles. Es gibt in dieser Hinsicht keine Geschmackskontrolle, sie werben wirklich für alles.“

Haben die berühmten Darsteller dann überhaupt noch genug Zeit, sich auf einen Film zu konzentrieren?

Boyle: „Ihre Terminkalender sind voll, so dass die Arbeit mit ihnen ein absoluter Albtraum ist. Du sagst zum Beispiel: "Irrfan, wir drehen morgen die große Szene" und er sagt: "Ich kann morgen nicht kommen. Ich muss in Rajasthan einen Werbespot für Baby-Puder drehen." Da muss man ruhig bleiben und auf den ersten Regieassistenten vertrauen, er ist die Schlüsselfigur mit seinen ganzen Mobiltelefonen. Er redet mit den ersten Regieassistenten der ganzen anderen Projekte und am Ende klappt dann doch alles und man bekommt Irrfan schließlich für die Szene. Das ist die Art, wie sie dort Filme drehen - zwischendurch, wenn die Stars gerade Zeit haben. Sie drehen ein paar Wochen und unterbrechen dann für drei Monate, bis die Stars von ihren Tourneen nach Toronto oder Amerika zurückkommen. Die Filme konzentrieren sich deshalb nicht auf diese kontinuierliche Arbeit, wie wir sie schätzen, sie konzentrieren sich mehr auf die großen Momente, auf den großen Auftritt des Stars.“

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