„Der Architekt“: Schonungsloses Familiendrama von Ina Weisse

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Deutsche Presse-Agentur

Georg Winter arbeitet nach dem künstlerischen Grundsatz „Konstruktion zeigen und einfach halten“ - im Privatleben sieht es da etwas anders aus.

In ihrem Spielfilmdebüt „Der Architekt“ zeichnet Ina Weisse das Bild eines Patriarchen, dessen wackliges Familiengebäude einstürzt, als er sich seiner Vergangenheit stellen muss.

Der Erfolgsmensch Georg (Josef Bierbichler) lebt mit seiner Frau Eva (Hilde Van Mieghem) in Hamburg, als ihn aus der fernen Heimat die Botschaft vom Tod seiner Mutter erreicht. Anscheinend ungerührt bricht er wortlos das Telefonat ab und geht seiner Arbeit nach als sei nichts gewesen. Eva überredet ihren in kindlichen Trotz verfallenden Ehemann schließlich, zur Beerdigung zu reisen. Zuvor hatte er ihr jahrelang weisgemacht, seine Mutter wolle die Schwiegertochter nicht sehen.

Widerwillig lädt er seine Frau und seine erwachsenen Kinder (Sandra Hüller und Matthias Schweighöfer) ins Auto und fährt in die österreichischen Alpen. Die Kinder zanken auf dem Rücksitz, gekochte Eier werden ausgepackt und für eine Weile ist alles scheinbar wie früher. In der verschneiten Bergwelt Tirols entpuppt sich der verschlossene Georg als Naturbursche und tollt mit seiner Tochter nackt durch die weiße Pracht. Doch der kurze Anflug von Unbeschwertheit wird jäh unterbrochen, als die schöne Hanna (Sophie Rois) mit ihrem Sohn Alex (Lucas Zolgar) auftaucht. Als das Dorf dann auch noch durch eine Lawine von der Außenwelt abgeschnitten wird, kann Georg seinem Schicksal nicht mehr entfliehen.

Für Regisseurin und Drehbuchautorin Ina Weisse geht es um „einen starken Mann, einen Patriarchen“, wie sie in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa in Hamburg ausführte. Schon als sie vor fünf Jahren mit dem Projekt begann, kam für die 40-Jährige niemand anderes als Josef Bierbichler als Hauptdarsteller infrage. „Am Anfang der Geschichte wird eine Felswand gesprengt, das ist das Bild für diesen großen Mann, der schließlich fällt, an sich selbst scheitert.“ Schon in Hans Steinbichlers „Winterreise“ (2006) spielte Bierbichler einen Mann, der die Kontrolle über sein Leben verliert, und vor drei Monaten war er in Caroline Links Familiendrama „Im Winter ein Jahr“ zu sehen.

Weisse, die als TV-Schauspielerin („Tatort“, „Doktor Martin“) bekannt wurde, gelang es, weitere hochkarätige Kollegen zu gewinnen, um ein Gegengewicht zu dem bayerischen Urgestein zu schaffen. Matthias Schweighöfer, Sandra Hüller und die mit Tiroler Akzent glänzende Sophie Rois wurden bereits für den Deutschen Filmpreis 2009 vornominiert. Und auch die Niederländerin Hilde Van Mieghem überzeugt in der Rolle der trotz aller Demütigungen liebenden Ehefrau. Mit den Personen vor der Kamera möchte die Regisseurin dennoch nicht tauschen: „Ich bin einerseits einsamer, aber andererseits fühle ich mich viel reicher, weil ich ja sehe, was die Schauspieler mir geben.“

Gemeinsam mit Co-Autorin Daphne Charizani und Produzent Peter Schwartzkopff ist es Ina Weisse in ihrem ersten Langfilm gelungen, die Sprachlosigkeit einer Familie schonungslos zu sezieren. Sie löst das Beziehungsgeflecht aus Lügen, Angst und Selbstbetrug nicht auf, sondern lässt den Zuschauer in seiner Betroffenheit allein zurück.

www.derarchitektderfilm.de

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