Das steckt hinter dem Hype um eine App, die Menschen altern lässt

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Digitalredakteur
Deutsche Presse-Agentur
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Wer derzeit in den sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook oder Instagram surft, kommt an einem regelrechten Hype nicht vorbei: Menschen lassen sich mithilfe einer App um Jahre altern oder verjüngen.

Mithilfe von künstlicher Intelligenz bearbeitet die App "FaceApp" Bilder von Nutzern und legt verschiedene Filter auf Fotos. Millionenfach werden die Ergebnisse geteilt und verbreitet, die App selbst ist in den App-Stores seit Tagen auf Platz 1 der Charts.

Auch Prominente, Politiker oder Sportler haben den digitalen Spaß mitgemacht. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir zeigte sich beispielsweise als Greis mit einem Schal des VfB Stuttgart und postete dazu mit einem Augenzwinkern, wie er 2033 beim Champions-League-Finale aussehen wird, wenn sein VfB in letzter Sekunde einen Elfmeter gegen sich bekommt.

Doch was steckt hinter dem Internet-Phänomen? Während minütlich immer mehr User Bilder von sich hochladen, mehren sich die kritischen Stimmen, die Sicherheitsbedenken anführen und vor der Nutzung der App abraten. Das steckt hinter dem Hype um "FaceApp" für Smartphones.

  • Was benötigt man, um die App nutzen zu können?

Smartphone-User können die App in dem App-Store ihres Betriebssystems kostenfrei herunterladen. Sowohl im "AppStore" von Apple als auch im App-Store "Google Play" hat es die Anwendung auf Platz 1 der Charts geschafft, innerhalb von wenigen Tagen haben Millionen Nutzer die Anwendung auf ihr Smartphone geladen.

Nach dem Download benötigt die App die Zugriffsrechte auf die Foto-Dateien, die auf dem Smartphone gespeichert sind. Kosten entstehen bis hierhin nicht. Zahlreiche Filter sind ebenfalls kostenfrei nutzbar. Wer den vollen Funktionsumfang der App nutzen möchte, muss dafür allerdings bezahlen (einmalig 43,99 Euro, 19,99 Euro für zwölf Monate oder 3,99 Euro für einen Monat).

  • Was kann die App überhaupt?

Spezielle Filter machen es möglich: Fotos und Selfies werden je nach Wunsch verfremdet und zeigen die auf dem Bild zu sehenden Personen in neuer Gestalt. Die beliebteste Funktion ist der Filter "Alter". Dank künstlicher Intelligenz werden die Gesichter der Menschen bearbeitet und man bekommt einen Eindruck davon, wie man im Alter aussehen könnte. Wir haben dies in der Digitalredaktion getestet.

Unsere Digitalredaktion macht den Test: So werden wir im Alter aussehen (Mit dem Slider können Sie die Bilder vergleichen)

Daneben sind noch andere Features möglich. In der kostenfreien Version können Gesichter nicht nur älter, sondern auch jünger gemacht werden. Auch kann man sich eine neue Haarfarbe verpassen, sich einen neuen Haarschnitt zulegen (Pony), sich eine Brille aufsetzen lassen oder zahlreiche weitere Bildbearbeitungs-Tools und Filter nutzen. Männer können ihr Gesicht in das einer Frau verändern und umgekehrt.

Wer für die "Pro"-Variante Geld ausgegeben hat, bekommt Zugriff auf noch weitere Funktionen, weitere Frisuren-Filter, kann sich viele verschiedene Bärte montieren oder sich in vielen verschiedenen Arten schminken lassen. Außerdem verschwindet in der kostenpflichtigen Variante das Wasserzeichen der Macher beim Download des Bildes.

  • Wie entstand der Hype?

Die Smartphone-App selbst ist nicht neu - doch erst seit wenigen Tagen geht sie im Netz so richtig viral. Seit dem Start im Februar 2017 sind die Filter kontinuierlich besser geworden, sodass die Ergebnisse so realitätsnah wie nie dargestellt werden.

Hintergrund ist der KI-Lerneffekt der App (maschinelles Lernen): Je mehr User ihre Fotos der App zur Verfügung stellen, desto besser werden die Resultate.

Hinzu kommt der Promi-Faktor: Berühmte Personen wie der kanadische Rapper Drake, die Band "Jonas Brothers" oder die Fußballer von Borussia Dortmund zeigen sich als gealterte Menschen und befeuern den Hype.

Mittlerweile ist aus der Verwandlung in Senioren ein regelrechter Wettbewerb entstanden. Hashtags wie #FaceAppChallenge bekommen minütlich Zuwachs und unzählige User posten Fotos von sich in einer älteren (oder jüngeren) Version.

  • Was sagen Datenschützer und Kritiker?

Die Bedenken rund um die Nutzung der App werden bei Datenschützern größer. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber hat vor der Nutzung der sehr populären Anwendung  gewarnt. Es gebe Besorgnis, „dass wichtige persönliche Daten in die falschen Hände geraten könnten“, sagte Kelber (SPD) in der Radiosendung „SWR Aktuell“.

Bei der Dienststelle des Landesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit Baden-Württemberg in Stuttgart hat man sich mit der FaceApp zwar noch nicht beschäftigt, so ein Sprecher auf Nachfrage von Schwäbische.de.

Allerdings empfehle man Nutzern entsprechender Software, grundsätzlich vor der Verwendung die entsprechende Datenschutzerklärung genau zu lesen und unter Umständen Berechtigungen nicht allzu leichtfertig zu genehmigen, sondern kritisch zu hinterfragen.

Im speziellen Fall räume die Software dem Hersteller zum Teil weitreichende Rechte ein. Wie immer - bei der Preisgabe personenbezogener Daten – sollten sich die Nutzer dessen bewusst sein, heißt es dazu weiter.

FaceApp
Die von Russland aus betriebene App FaceApp könnte wegen ihres Umgangs mit persönlichen Daten ein nationales Sicherheitsrisiko darstellen. (Foto: Jenny Kane/AP / DPA)

Kritik gibt es speziell aus den USA. Der Fraktionschef der Demokraten im US-Senat, Chuck Schumer, forderte die Bundespolizei FBI zu einer Untersuchung der populären App auf.

Die von Russland aus betriebene App könne wegen ihres Umgangs mit persönlichen Daten ein nationales Sicherheitsrisiko sowie eine Gefahr für Millionen US-Bürger darstellen, schrieb er in einem am Mittwoch (Ortszeit) auf Twitter veröffentlichten Brief

Zu einem differenzierteren Fazit kommen die Experten der Non-Profit-Organisation Mimikama, die sich mit Faktenchecks, Fake-News und Datensicherheit im Internet auseinandersetzen.

"Man muss sich bewusst werden, dass jede App und jede Plattform theoretisch mit den Daten der Nutzer handeln kann und dies vielleicht auch macht. Legt man Wert auf Datenschutz und Privatsphäre, sollte man die Finger von diversen Apps und Plattformen lassen, ob es sich nun um Facebook oder um FaceApp handelt", heißt es im Faktencheck des Portals.

  • Wie argumentieren die Macher der App?

Generell ist über die Urheber der App wenig bekannt. Die Entwickler von "Wireless Lab OOO" haben über den App-Store nur wenige Informationen bereitgestellt, darunter eine Adresse in Sankt Petersburg.

Über die AGB sichern sich die Macher von FaceApp ab, weitreichende Rechte an den hochgeladenen Fotos zu erhalten. Dort heißt es: "Alle Informationen, die Sie mit der FaceApp freiwillig verarbeiten, stehen der App künftig anonymisiert zur Verfügung."

Vorwürfe, wonach die App-Anbieter Zugriff auf alle Fotos des Smartphones bekomme, seien nicht zutreffend, sagte der Geschäftsführer Jaroslaw Goncharov dem "Guardian".

Wie das Magazin „Forbes“ berichtet, landen die Fotos allerdings nicht auf Servern in Russland, sondern auf Servern von Amazon und Google in den USA. Dass die Daten dennoch in Russland ausgewertet werden könnten, sei damit jedoch nicht ausgeschlossen.

Auch sei unklar, wie viel Zugriff FaceApp-Mitarbeiter auf die hochgeladenen Bilder hätten, schreibt „Forbes“. FaceApp-Gründer Jaroslaw Gontscharow betonte dem Magazin gegenüber, dass die meisten Bilder innerhalb von 48 Stunden nach dem Upload wieder von den Servern gelöscht würden.

Nutzer könnten das automatische Löschen auch in den Einstellungen wählen. Gontscharow betonte zudem, dass sein Unternehmen Nutzerdaten weder verkaufe, noch an Dritte weitergebe.

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