Das Qatar Philharmonic Orchestra überrascht

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Deutsche Presse-Agentur

Als Kurt Meister 2002 in Pension ging, war er 63 Jahre alt.

Dass der ehemalige Leiter der Hauptabteilung Klangkörper des Bayerischen Rundfunks sieben Jahre später mit einem von ihm selbst mehr oder weniger in Eigenregie aufgebauten Symphonieorchester in Washington und Mailand gastieren würde, hätte er sich damals nicht träumen lassen.

„Eigentlich war alles ein Zufall“, erzählt er amüsiert und lässt hinter seiner dunklen Brille den Blick über die Uferstraße von Doha schweifen, wo an diesem sonnigen Wintertag eine Rallye mit britischen Oldtimern veranstaltet wird. Der Kontakt zur Familie des Emirs des kleinen Golfemirates Katar kam 2007 über seinen Hausarzt in München zustande. Der Arzt hatte einen arabischen Patienten, der damit betraut worden war, kompetente Ausländer zu finden, die in Katar ein Symphonieorchester und eine Musikakademie aufbauen sollten.

Dann ging es los, und zwar in einem Tempo, das in der Welt der Klassik, wo Orchester und Dirigenten oft schon Jahre im Voraus gebucht werden, eher unüblich ist. Im Juli 2007 bekam Meister den Auftrag, das Orchester zu gründen. Aus 3200 Bewerbern wählte er mit Hilfe einer Jury in Europa und der arabischen Welt 101 Musiker aus. Am 30. Oktober 2008 fand das Eröffnungskonzert im Nationaltheater in Doha statt.

Bis zur Fertigstellung des Konzertsaales, die für den Januar 2010 geplant ist, spielt das Orchester in einem Saal des „Damenclubs“ von Aspire, einer neuen Sportstätte der Superlative am Stadtrand der Hauptstadt Doha. „Hier in Katar muss man flexibel sein“, sagt Meister, der sich als Manager des Qatar Philharmonic Orchestra oft fühlt wie ein „Mädchen für Alles“. Doch der Spagat zwischen der Pünktlichkeit und Disziplin, die er den Musikern seines Orchesters abverlangt, und der arabischen Gelassenheit, mit der das Ensemble in Katar häufig konfrontiert wird, ist nicht immer leicht.

Als die Musiker aus 31 Nationen im vergangenen Jahr ihre Zulagen zu spät erhielten, drohten sie mit Streik. Ein Konzert im Januar wurde wenige Stunden vor dem Termin wegen der israelischen Militäroffensive im palästinensischen Gazastreifen abgesagt. Auch die Tatsache, dass das Orchester, dessen musikalischer Direktor der libanesische Komponist Marcel Khalifa ist, bislang keinen eigenen Dirigenten hat, macht es für die Musiker nicht einfacher.

Doch bis auf zwei Musiker, die laut Meister „aus persönlichen Gründen“ ausschieden, spielt derzeit noch die Originalbesetzung. 21 der Musiker stammen aus Deutschland, 13 aus Ungarn. Jeweils sieben Russen und Ägypter sind dabei. Anders als beim Royal Oman Symphony Orchestra, dem zweiten bekannten Klangkörper der Arabischen Halbinsel, spielen keine Einheimischen im Qatar Philharmonic Orchestra.

Scheicha Mosah, die Ehefrau des Emirs, ist die Schirmherrin der meisten kulturellen Projekte der Öl-Monarchie. Sie ist auch schon einmal zur Orchesterprobe erschien und hatte Meister, als er 2007 auf die Suche nach talentierten Musikern ging, nur einen Wunsch mit auf den Weg gegeben: „Suche nur die Besten aus!“ Die Hoffnung der Scheicha ist, dass ein Spitzenorchester, das sie an westliche klassische Musik heranführt, die Einheimischen auf Dauer motivieren und inspirieren wird.

Dass der Weg dorthin vielleicht noch weit sein könnte, stellte ein Kritiker fest, der beim Eröffnungskonzert bemerkte, dass der Bolero von Maurice Ravel - ein Stück, das in Europa doch eher als gefällig eingestuft wird - einigen der arabischen Besucher offensichtlich schon zu schräg war. Dass die meisten Besucher der Konzerte des neuen Orchesters in Doha ohnehin keine Katarer sind, heißt aber nicht, dass sich die Einheimischen der fremden Musik entziehen. Denn mehr als zwei Drittel der rund 1,5 Millionen Einwohner des Emirates, das neben Öl auch noch gigantische Gasvorkommen hat, sind sowieso Ausländer.

Neben Beethoven, Bizet und Ravel spielt das neue Orchester, dem bei seinem Gastspiel in Washington Ende Februar bescheinigt wurde, es sei „kompetent“ aber noch „ohne große Tiefe“, auch arabische Musik. Im Frühjahr kommen die Musiker, für deren Instrumente man wegen der großen Hitze am Flughafen in Doha Spezialkisten anfertigen lassen musste, auch nach Europa.

Meister profitiert noch heute von den guten Kontakten aus seiner Zeit mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Er führt sein Orchester nach eigenen Angaben im kommenden Mai an die Mailänder Scala, wo es die 1. Symphonie von Gustav Mahler und arabische Musik von Khalifa spielen wird. Als Dirigenten konnte Meister erneut Lorin Maazel verpflichten, mit dem er in München jahrelang zusammenarbeitete.

Die meisten Musiker des Qatar Philharmonic Orchestra sind jung. Was sie in die Wüste gelockt hat, sind vor allem das Gehalt, das vergleichbar ist mit dem europäischer Spitzenorchester - nur ist es in Katar steuerfrei. Außerdem übernimmt die von der Scheicha geleitete Katar Stiftung die Krankenversicherung und andere Unkosten. Die Musiker haben alle Zwei-Jahres-Verträge unterzeichnet. „Doch ich habe das Gefühl, dass viele von ihnen länger bleiben werden“, sagt Meister, „denn sonst hätten sie sich hier wohl kaum so große Autos gekauft“.

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