Das Internet der Tiere

Lesedauer: 8 Min

Ein Forscherteam will das Miteinander von Mensch und Tier verbessern - uns so Naturkatastrophen vorhersagen.

Crossmedialer Volontär

Was ist der Sinn des Lebens? Wie funktioniert die Welt? Warum handeln Tiere so, wie sie handeln? Und welche Rolle spielt der Mensch dabei? Alles Fragen, die Wissenschaftler plagen, gleichzeitig aber auch dazu antreiben, immer weiter zu forschen und alles Erforschte immer wieder neu zu hinterfragen. Wissenschaftler wollen Antworten finden. Im besten Fall sogar die eine Antwort auf alle Fragen dieser Welt.

Martin Wikelski, Professor an der Universität Konstanz, glaubt, geht davon aus – oder besser noch –, er ist davon überzeugt, mit seinem Projekt „Icarus“ zwar nicht die eine Antwort auf alle Fragen dieser Welt zu finden – aber: „Wir kommen ihr zumindest näher“, sagt der gebürtige Münchner. Icarus steht für „International Cooperation for Animal Research Using Space“. Wikelski, Leiter des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell am Bodensee, übersetzt: „Ein globales Tierbeobachtungssystem, das uns erlauben soll, Tiere auf der ganzen Welt zu beobachten.“ Mit Icarus soll es möglich sein, Naturkatastrophen vorherzusagen und deren Auswirkungen abzuschwächen. Doch wie soll das funktionieren?

Am 12. Oktober wird vom Weltraumbahnhof in Baikonur, einer Stadt im südlichen Kasachstan, eine unbemannte Sojus-Progress-Rakete auf die Internationale Raumstation ISS hochgeschossen. An Bord: die Technik für das weltweite Erdbeobachtungssystem Icarus. Eine Empfangsantenne soll Daten von Sendern abgreifen, die an einer großen Zahl von Tieren überall auf der Erde angebracht werden. Von der ISS gehen diese Daten dann wieder zurück auf die Erde in ein Kontrollzentrum, wo sie verarbeitet und an das Icarus-Betriebszentrum geschickt werden. Quasi ein globales Ortungssystem für Tiere.

Ein Däne gab den Startschuss

Tiere, die zu Forschungszwecken einen Sender bei sich tragen? Das ist an sich nichts Neues. Der Däne Hans Christian Cornelius Mortensen war 1899 der erste, der für die Wissenschaft in größerem Umfang Vögel beringte, um sie identifizieren und untersuchen zu können. Ringe, die analoge Form eines Senders. Mithilfe individuell nummerierter oder auch farbiger Metall- oder Plastikringe an den Füßen oder Flügeln konnte so das Flug- und Zugverhalten von Vögeln über einen gewissen Zeitraum verfolgt werden.

Der Erkenntnisgewinn ist allerdings überschaubar, im Zeitalter der Digitalisierung ohnehin überholt. Für fundierte Daten, die bahnbrechende Forschungen untermauern oder sogar die eine Antwort auf alle Fragen ergeben sollen, reichen beringte Vögel nicht mehr aus. Wer kann schon in der Natur frei lebende Vögel rund um die Uhr und überall auf der Welt überwachen?

Doch genau das will das 60-köpfige Forscherteam um Martin Wikelski nun schaffen. Der Vorteil von Icarus: Mindestens einmal am Tag werden alle mit einem Sender bestückten Tiere von den Antennen an der ISS erfasst und können so die wichtigen GPS-Daten zurück zur Erde schicken. Sechsmal am Tag umkreist die Raumstation den blauen Planeten und verschiebt sich bei jeder Umkreisung um rund 2500 Kilometer Richtung Westen. Mehr als 90 Prozent der Erdoberfläche sollen so abgedeckt werden.

Die Herausforderung dieses Datenaustauschs liegt in der zu überbrückenden Entfernung zwischen ISS und Tier. Die Raumstation bewegt sich in einer Höhe von mehr als 400 Kilometer über der Erde. Das Problem: Der Sender darf nicht zu groß und auch nicht zu schwer sein. Sonst wird das Flugverhalten der Vögel beeinflusst, die Ergebnisse verfälscht. Ein Gramm soll der Sender wiegen. Für die Tiere sei der Sender wie eine Uhr oder ein kleines Handy, das man bei sich trägt, sagt Wikelski. Er ist sich der Last des Senders bewusst: „Forschung hat sicherlich auch Nachteile, aber sie hat auch etwas Gutes“, sagt er – und meint damit auch den Tierschutz. „Wir haben eine ethische Verpflichtung diesen Tieren gegenüber. Wenn sie uns die Informationen liefern, dann müssen wir sie auch schützen.“

Lernen von den Tieren

Nicht nur Vögel, auch Schildkröten, Aale oder Ziegen werden mit diesem kleinen Handy ausgestattet. Als beispielsweise im März dieses Jahres auf Sizilien der Vulkan Ätna ausbrach, stellte Wikelskis Forscherteam mithilfe der Sender fest, dass sich Ziegen bereits rund sechs Stunden vor dem Ausbruch vom Vulkan wegbewegten. „Wir können von Tieren sehr, sehr viel lernen. Zum Beispiel auch, wie Treiberameisen ihre Bewegungen managen. Das ist besser als bei uns auf der Autobahn. Die haben keine Staus.“ Die Algorithmen, also die mathematischen Umsetzungen, wie Tiere solche Fragen lösen, könne man zum Beispiel in Satellitenflotten oder ins autonome Fahren einbauen, meint Wikelski. „Im Prinzip sind alle Tiere Spürhunde für uns da draußen in der Welt, die uns sagen können, was gerade in der Welt passiert“, erklärt Wikelski. Daten, die Icarus liefert, könnten zu einem Frühwarnsystem von Naturkatastrophen werden.

Mit den Sendern soll es mithilfe von kleinsten Videokameras auch möglich sein, Wildtiere zu begleiten: in die Wüste, in die Tiefseegräben der Ozeane oder über den Himalaya hinweg. Das Ziel: ein neues Verständnis zwischen Mensch und Tier. „Wir können mit den Tieren mitleben“, sagt Wikelski. So soll nicht nur der Mensch von den Erkenntnissen profitieren, sondern auch die Tiere, die sie liefern. Denn was der Mensch gebrauchen kann, lässt er nicht aussterben: „Wir würden unseren Blindenhund, unseren Spürhund nie in Gefahr bringen. So sollte man eigentlich auch mit den Wildtieren umgehen.“

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen