„Da muss Herr Thierse die Gosch halten“

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Brezeln, Tauben und andere Spezialitäten: Der Schwabe Roland Reuter (Hans-Jochen Wagner, links) und sein Duisburger Assistent Di
Brezeln, Tauben und andere Spezialitäten: Der Schwabe Roland Reuter (Hans-Jochen Wagner, links) und sein Duisburger Assistent Di (Foto: ARD)
Schwäbische Zeitung

In der ARD-Komödie „Brezeln für den Ruhrpott“ ist der Schauspieler Hans-Jochen Wagner am Freitagabend als schwäbischer Manager zu sehen, der im Ruhrgebiet eine Bäckerei mit Sparsamkeit und Effizienz sanieren soll. Über das Spiel mit regionalen Klischees hat die Westfälin Katja Korf mit dem in Tübingen geborenen Schwaben Wagner gesprochen.

Herr Wagner, in der ersten Hälfte des Films wirkt der Schwabe Roland, den Sie spielen, nicht sehr sympathisch. Was sind die guten Seiten der Schwaben?

Vor allem Beständigkeit und eine Art Gerechtigkeitsmanie. Ein starkes Gespür für Ungerechtigkeit ist, glaube ich, sehr schwäbisch. Positiv ausgedrückt wollen die Schwaben Anerkennung für das, was man leistet. Wenn sie ungerecht behandelt werden, verletzt sie das sehr. Und Aufrichtigkeit. Wir sind keine Spielernaturen, wir sind treu. Man sagt ja über die Schwaben, dass sie anfangs misstrauisch und scheu sind, und das deckt sich mit meiner Erfahrung. Wenn sie einen Menschen aber ins Herz geschlossen haben, sind sie unglaublich treu.

Haben Sie auch solche typisch schwäbischen Eigenschaften?

Ja, schon, aber ich bin nicht misstrauisch und komme schnell mit Leuten in Kontakt. Die Menschen, die in meinem Leben hängen bleiben, das sind wenige, aber die bleiben dann über Jahre. Und Ungerechtigkeit treibt mich schon zur Weißglut. Sowohl, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle, als auch wenn ich um mich herum etwas sehe, was ich für ungerecht halte. Ein Teil des evangelischen Schwabentums ist außerdem das schlechte Gewissen. Man hat immer das Gefühl: Habe ich mir das verdient? Man kann ja nicht in der Woche die Sau raus lassen und am Wochenende beichten gehen.

Sparsam, strebsam, verkrampft – so zeigt die Komödie anfangs die Schwaben. Sind Schwaben so?

Im Ruhrgebiet ist ja auch nicht alles voll mit Tauben. Das ist auf der schwäbischen Seite auch so. In so einem Film geht es jetzt auch nicht so differenziert zu. Die Figur ist natürlich überspitzt, aber er spürt sehr stark einen Druck, den ich von mir durchaus kenne. Dieses Gefühl, besser sein zu müssen, es richtig zu machen. Das ist sehr schwäbisch. Diese Bilder von der Kehrwoche stehen übertragend ja auch für den seelischen Haushalt. Alles was dreckig ist, was nicht richtig ist, das muss weg. Man versucht, alles Irrationale, alles Rebellische, wegzuputzen. Der Roland im Film bekommt die Chance aufzusteigen, auch, weil sein Chef das von ihm erwartet. Mir war aber auch wichtig zu zeigen, dass Roland davon im Laufe der Zeit abrückt, weil dieser Wunsch gar nicht so sehr von ihm kommt. Das liegt in Schwaben schon in der Luft. Natürlich sind nicht alle Menschen dort verkrampfte Arbeitstiere. Aber dieses Rechtschaffene, Gerechtigkeitsliebende, das trifft schon oft zu.

Sie haben als Jugendlicher lange Fußball gespielt. Im Moment hat man es weder als Ruhrgebietler noch als Schwabe leicht, wenn man auf die Bundesliga-Tabelle schaut… Sind Sie Fan?

Ich war sieben Jahre als Torhüter beim TG Gönnigen. Die Pokale habe ich immer noch in der Wohnung stehen. Aber für uns war es eigentlich unmöglich, Stuttgart-Fan zu sein. Stuttgart war immer die Möchtegern-Großstadt, wir sind zum Beispiel abends immer nach Tübingen gefahren, die nach Stuttgart. Deswegen bin ich bis heute kein VfB-Fan. Ich hatte eher Sympathien für den badischen SC Freiburg, obwohl das als Schwabe ja eigentlich gar nicht geht. Aber das entspricht am meisten diesem Tübingen-Feeling. Nicht der VfB mit Daimler als Sponsor und Figuren wie dem Arbeitgeberpräsidenten Dieter Hundt oder Gerhard Mayer-Vorfelder an der Spitze.

Ihr Mitleid mit dem VfB hält sich also in Grenzen?

Ja. Der VfB muss vielleicht einfach mal gegen die Mauer gefahren werden, damit was passiert. Die haben sich so lange durchgewurschtelt. Ich wohne seit fast 25 Jahren in Berlin. Ich habe versucht, Fan von Her-tha BSC zu werden. Aber es geht nicht. Ich war oft im Stadion, aber es war immer irgendwie halblebig.

Wolfgang Thierse hat ja mit einer Äußerung über Schwaben in Berlin einen Kampf zwischen Berlinern und Schwaben ausgelöst…

Das ist ein Reizthema. Die Debatte ist völlig hirnrissig. Zunächst mal ist Herr Thierse sicher nicht in der Lage, einen Schwaben von einem Franken oder Badener zu unterscheiden. Für den ist alles unterhalb von Frankfurt Süddeutschland und deshalb Schwaben. Ich zum Beispiel wohne schon immer in Mietwohnungen. Wenn ich in Kreuzberg rausgehe, wo ich seit zehn Jahren lebe, sitzen hier im Café vor meinem Haus Kölner und Hamburger, die sich um die Ecke Wohnungen gekauft haben, aber lästern über Schwaben. Da geht mir die Hutschnur hoch. Natürlich ist Gentrifizierung ein Problem, das man politisch lösen muss. Die meisten Zugezogenen in Berlin kommen aber aus Brandenburg oder Nordrhein-Westfalen. Nur die Schwaben fallen halt auf, weil sie ihre Herkunft wegen ihres Dialekts oft nicht verbergen können. Aber eine problematische Stadtentwicklung mit solchen Pseudo-Argumenten zu kaschieren, das macht mich richtig wütend. Wegen Herrn Thierse wurde ein ganzer Wochenmarkt umgelegt, damit er seine Ruhe hat. Da muss er selbst die Gosch halten.

Das ist in Berlin besonders idiotisch, weil es kaum noch Berliner gibt. Die meisten sind aus der Provinz hergekommen, weil sie Berlin geil finden oder weil sie auf der Suche nach etwas sind. Ich bin auch noch in bestimmten Dingen provinziell, und dazu stehe ich. Ich liebe zum Beispiel die Schwäbische Alb, nach der werde ich im Herbst immer Sehnsucht haben. Ein anderes Beispiel: Alles was so trendy ist, löst bei mir einen Abwehrreflex aus. Drogenpartys etwa oder diese Uniformität: Jeder muss einen Hipster-Bart haben, ein bestimmtes Fahrrad fahren und so. Da sage ich immer: „Ich komme vom Dorf, das brauche ich nicht.“ Ich bin damals wegen der Schauspielschule nach Berlin gegangen und weil man hier vielen Menschen begegnet, die weiter sind als man selbst. Die sind vielleicht unabhängiger, radikaler oder angstfreier als ich. Das mag ich.

Würden Sie wieder zurück in Ihre Heimat gehen?

Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Nicht, weil ich denke, dass dort nur Idioten wohnen. Ich habe mich einfach weiterentwickelt und hinterfrage Dinge, die ich früher nicht hinterfragt hätte.

Welche?

In Tübingen zum Beispiel wird ja sehr viel Wert darauf gelegt, dass alles gesund, ökologisch und fair ist. Daran ist zunächst einmal nichts Schlechtes. Es entsteht eine heile Welt im Kleinen. Aber doch fehlt etwas. Das Irrationale, Laute, Agressive und Unerwartete, das genauso zu unserer Welt gehört und zur menschlichen Seele. Das ist für mich als Künstler sehr wichtig und ich finde das in Berlin, aber nicht mehr in Schwaben. Berlin ist da der globalen und menschlichen Realität näher als Tübingen.

Reden Sie gerne Schwäbisch?

Ja, das mag ich sehr. Ich kann bestimmte Sachen besser auf schwäbisch ausdrücken. Ich mag so Worte wie „Dackel“ oder „Seggl“. Ich liebe das Wort „Lole“ für einen trägen Menschen. Manches kann man auf hochdeutsch einfach nicht mit einem Wort beschreiben.

Zur Person

Der Schauspieler Hans-Jochen Wagner wurde 1968 in Tübingen geboren, wuchs in Gönningen auf und ging in Reutlingen zur Schule. Er studierte Schauspiel an der Berliner Ernst-Busch-Schule, spielte danach an vielen großen Häusern, Mittlerweile war er in zahlreichen TV-Produktionen zu sehen, aktuell zum Beispiel in der ZDF-Serie „Kommissarin Heller“ als Ermittler. Er lebt seit 25Jahren in Berlin.

„Brezeln für den Ruhrpott" läuft am Freitag um 20.15 Uhr in der ARD

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