Cormoran Strike und ein perfides Spiel hinter den Kulissen

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Robert Galbraith: «Weißer Tod»
Cormoran Strike ist zurück. Der Detektiv ermittelt dieses Mal in Londoner Parlamentskreisen. Robert Galbraith (J.K. Rowling) veröffentlicht nach dreijähriger Pause den Band „Weißer Tod“. (Foto: Blanvalet Verlag / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Frauke Kaberka

London kurz vor der Eröffnung der Olympischen Spiele: Politik und Polizei haben alle Hände voll zu tun mit Organisation und Absicherung des sportlichen Highlights.

Dem seit seinem jüngsten Fall („Die Ernte des Bösen“, 2016) zwar äußerst populären, aber wie immer klammen Privatdetektiv Cormoran Strike kommt der Anruf des Kulturministers deshalb sehr zupass. Jasper Chiswell wird erpresst. Er fürchtet einen Skandal - was in diesen Tagen internationaler Aufmerksamkeit besonders fatal wäre. Natürlich möchte er das Problem generell vom Hals haben. Strike soll helfen. Das wird er, wenn auch nicht so, wie Chiswell es sich vorgestellt hat.

Fast drei Jahre dauerte es, bis Robert Galbraith alias J.K. Rowling den Ermittler wieder in die Spur schickte. Doch die Wartezeit hat sich gelohnt. „Weißer Tod“, der vierte Fall für Strike und seine Partnerin Robin Ellacott, toppt seine schon sehr erfolgreichen und spannenden Vorgänger noch - an Komplexität und an Raffinesse.

Die Schöpferin von Harry Potter versteht es exzellent, persönliche Befindlichkeiten ihrer Protagonisten in politische und gesellschaftliche Konstellationen einzubetten, dabei ein überwältigendes Lokalkolorit zu vermitteln und eine fesselnde Geschichte zu formulieren, die trotz ihres beträchtlichen Umfangs wohl so manchen Leser noch nach weiteren Kapiteln lechzen lässt. Die vorliegenden beginnen übrigens jeweils mit passenden Zitaten aus Henrik Ibsens „Rosmersholm“. Wer das Drama von 1886 gelesen hat, erkennt sofort die Parallelen zu Galbraiths „Weißer Tod“.

Bevor sich Strike und Robin mit dem Chiswell-Fall befassen, hat der Detektiv eine Begegnung mit einem offenbar psychisch kranken jungen Mann, der in seiner Kindheit einen Mord beobachtet zu haben glaubt. Er bittet Strike, der Sache nachzugehen und verschwindet dann spurlos. Obwohl Strike nicht wirklich daran glaubt, nimmt er Billys Gestammel ernst und forscht nach. Seine Spur führt ihn zu Billys Bruder Jimmy und in die Londoner Autonomen-Szene, die gegen die Spiele protestiert und die Tory-Regierung ohnehin im Fokus ihres Widerstands hat - somit auch Chiswell.

Alles spricht dagegen, doch wenn Strike seinem Bauchgefühl folgen will, muss er Billys Beobachtung mit dem Chiswell-Auftrag in Verbindung bringen. Was er allerdings herausfindet ist, dass Chiswells Erpressung nichts damit zu tun hat, ja der Anlass für die penetrante Nötigung nicht einmal gesetzeswidrig ist. Wer Chiswell erpresst, wird lange ein Rätsel sein. Und auch der Grund dafür kommt erst kurz vor Ende ans Licht. Sowohl der Minister als auch seine Familie halten sich äußerst bedeckt. Sie betonen lediglich, aber nachdrücklich, dass nichts Illegales vorgefallen sei, allenfalls etwas moralisch Bedenkliches. Und dann geschieht ein Mord, der neue Rätsel aufgibt.

So irren Robin und Strike zwischen Mord und Erpressung, zwischen Motiv und Möglichkeit aller Verdächtigen hin und her und kommen der Lösung in einem perfiden Spiel immer nur in winzigen Schritten näher. Dieses langsame Herantasten an die Aufklärung offenbart die Kunst der Autorin, die Spannung auch ohne Spektakel hoch zu halten. Zum Teil erreicht sie das mit straff gespannten Beziehungsfäden zwischen den beiden ungleichen Partnern, die in ihren jeweiligen Verbindungen zu ersticken drohen, aber unfähig sind, sich gegenseitig anzuvertrauen. Wenigstens funktioniert das intuitive Verstehen bei ihren Ermittlungen des einst auch persönlich so gut funktionierenden Duos noch tadellos.

Strike und Robin sind sowohl Kitt als auch Suchtfaktor in den Galbraith-Stories. Wer die drei Vorgänger-Krimis nicht kennt - was schade, aber auch kein Hindernis wäre -, wird im vierten Buch gleich zu Beginn mit dieser außergewöhnlichen Koalition konfrontiert, nämlich bei der von Strike sehr missbilligend zur Kenntnis genommenen Hochzeit Robins mit ihrem Jugendfreund Matthew. Am Ende des Buches gibt es neue Konstellationen, die wiederum Stoff zum Spekulieren für einen fünften Band sind.

Was aber die Lektüre wirklich besonders macht, ist der Kriminalfall, der natürlich fiktiv, aber durchaus denkbar ist - teilweise angesiedelt in einem der breiten Öffentlichkeit weniger zugänglichen Milieu, der großen Politik und der High Society Londons. Die Olympischen Spiele samt anschließenden Paralympics bieten zudem einen außergewöhnlichen Zeitrahmen und versetzten London 2012 tatsächlich in einen Ausnahmezustand, was den Plot noch authentischer wirken lässt. Rowling selbst nennt das Buch „eines der anspruchsvollsten, die ich je geschrieben habe; zugleich ist es auch eins meiner liebsten“. Dem wird man sich vermutlich gern anschließen.

- Robert Galbraith: Weißer Tod, Blanvalet Verlag München, 864 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-7645-0698-8.

Weißer Tod

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