Cannes-Eröffnung: „The Dead Don’t Die“

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 Wer ist hier tot? In Jim Jarmuschs Komödie „The Dead Don’t Die“ spielen Bill Murray (von links nach rechts), Chloë Sevigny und
Wer ist hier tot? In Jim Jarmuschs Komödie „The Dead Don’t Die“ spielen Bill Murray (von links nach rechts), Chloë Sevigny und Adam Driver Polizeioffiziere, die versuchen, der Zombies Herr zu werden. (Foto: Frederick Elmes; Focus Features/ UPI/dpa)
Rüdiger Suchsland

Das Kino zu feiern, das beherrschen sie beim Festival von Cannes wie nirgendwo sonst. An eine Tote erinnerte man gleich in den ersten Sekunden der Eröffnung: Agnes Varda, die berühmte französische Regisseurin, die vor kurzem gestorben ist. Sängerin Angèle sang ein Lied aus Vardas legendärem Debüt „Cleo 5 a 7“: „Sans toi“ (Ohne Dich) und die 2000 Zuschauer im Saal des Grand Palais von Cannes waren zu Tränen gerührt.

Die Toten sterben nicht, nicht in Cannes, sondern sie leben weiter in den Herzen ihrer Fans und in der Kontinuität der Geschichte der siebten Kunst, die ihr Werk weiterführt.

Ein Spiel mit vielen Verweisen

Dafür bot der Eröffnungsfilm das beste Beispiel: „The Dead Don’t Die" (Die Toten sterben nicht) stammt von einem alten Bekannten, dem Amerikaner Jim Jarmusch, Held des unabhängigen Kinos der 80er- und 90er-Jahre. Formal betrachtet ist dies eine Horrorkomödie über die liebsten Untoten des Kinos, über Zombies.

Doch wer den Film sah, der erkannte schnell: Es geht um etwas anderes. „The Dead Don’t Die“ ist ein cleveres Spiel mit der Kinogeschichte und ihren zahlreichen Referenzen. Und zugleich hat alles tiefere Bedeutung: Irgendwann unterhalten sich Bill Murray und Adam Driver, die beiden Hauptdarsteller, die hier zwei Kleinstadtpolizisten spielen, deren Revier von Untoten heimgesucht hat. Immer wieder hat Drivers Figur während der letzten Stunde den Satz wiederholt: „This isn’t gonna end well“, das werde nicht gut ausgehen. Nun fragt Murrays Figur zurück: „Woher weißt Du das eigentlich?“ - „Weil ich das Drehbuch gelesen habe. Jim Jarmusch hat es mir gegeben.“ Ein Lacher im Kino. Jarmusch ist ein typisch postmoderner Filmemacher, der nicht mehr an schlüssige Erzählungen glaubt. Und so gibt es ständige Wiederholungen: Die Sprüche der Figuren, der Titelsong, ein bekanntes Country-Lied, das dem Film den Titel gibt.

Selbst die Darsteller sind Zitate ihrer selbst: Iggy Pop, Tilda Swinton, Selma Gomez. „The Dead Don’t Die“ ist ein Film voller Metaebenen, nicht sein bester Film, aber sehr unterhaltsam: Der Schauplatz heißt Centerville und steht für das Zentrums Amerikas. Und die Moral: Die Toten sind nicht tot, die Lebenden schon, zwei Polizisten, der Pessimist (Driver) und der Ignorant (Murray) sind Witzfiguren, die die Unfähigkeit verkörpern sich der Realität zu stellen. Die Zombies stehen für die Konsumgesellschaft, sie ächzen „WiFi, WiFi“, sie sind untote Konsumisten im Kapitalismus. Das letzte Wort hat ein obdachloser Einsiedler: „What a fucked up world.“

Ein Kommentar zum Programm

Es liegt nahe, in der Entscheidung des Festivals, diesen Film zur diesjährigen Eröffnung zu programmieren, auch so etwas wie einen ironischen Kommentar zum eigenen Programm zu sehen. Besteht der Wettbewerb doch in nicht geringem Maß aus in Ehren ergrauten Regisseuren von Gestern, die trotzdem irgendwie nicht gehen wollen, sondern immer wieder kommen. Er habe nicht nur Angst vor „den Zombies, die die Welt beherrschen“, erklärte Bill Murray bei der Pressekonferenz, sondern auch „Angst vor den Zombies in Cannes“.

Vermutlich hat er damit nicht die Jury gemeint und ihren Präsidenten, den Mexikaner Alejandro Gonzalez Innaritu. „Ich möchte nicht über Filme richten, ich möchte sie erfahren“, sagte der zum Auftakt. Um die Bewertung wird er aber nicht ganz herumkommen, denn am Schluss ist nur eine Goldene Palme zu vergeben. Sieben der neun Juroren sind Regisseure. Man darf gespannt sein, wie Menschen, die es gewohnt sind, zu kommandieren, sich arrangieren und zu einer gemeinsamen Entscheidung kommen. Da ist die Kunst der Diplomatie gefragt.

Warten auf die Frauen

Nicht nur die USA, auch Europa und Asien haben in Cannes traditionell einen großen Auftritt: Gespannt wartet man auf die Filme der Österreicherin Jessica Hausner, der Französin Celine Sciamma und fragt sich, ob der Franzose Arnaud Desplechin, einer der besten Filmemacher seines Landes, es wohl diesmal in seiner sechsten Wettbewerbsteilnahme schafft, eine Goldene Palme zu gewinnen. Oder ob der Brite Ken Loach es als erster schafft, eine dritte Goldene Palme zu gewinnen.

Zwei Geheimtipps vorab: „Atlantique“, das Spielfilm-Debüt der französischen Schauspielerin Mati Diop, wird einen Preis gewinnen. Wer ihre Kurzfilme kennt, weiß, dass sie das gewisse Etwas hat, das mehr ist, als nur eine Handschrift. Und dann der Brasilianer Kleber Mendonca mit „Bacurau“. Weil er ein guter Regisseur ist, für den es gewissermaßen Zeit ist. Weil Brasilien politisch gerade ansteht. Und weil Inarritu immerhin Lateinamerikaner ist.

Aber die letzte Antwort können an den nächsten zwölf Tagen nur die Filme selbst geben.

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