Brüsseler Internet-TV-Projekt für Bürgernähe

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Deutsche Presse-Agentur

Das Ziel heißt Bürgernähe. Mit einem eigenen TV-Kanal in 22 Sprachen wollen die EU-Abgeordneten bis in den letzten Winkel Europas vordringen. Das Europäische Parlament lässt sich den Internet-Sender namens „EuroparlTV“ jährlich neun Millionen Euro kosten.

Was bislang fehlt, sind die Zuschauer. Seit dem Start im September klickten gerade einmal rund 150 000 Internet-Nutzer in die Bilder aus dem Parlament, das in Straßburg und Brüssel tagt.

Zum Vergleich: Auf der Plattform YouTube sehen sich täglich Millionen Menschen Videos an. Dabei muss sich der Erfolg von „EuroparlTV“ möglichst rasch einstellen, denn der Kanal soll mithelfen, mehr Menschen für die Europawahl am 7. Juni zu begeistern - vor fünf Jahren wählte nicht einmal jeder zweite EU-Bürger.

Das Programm des Parlaments-TV sorgt jedoch bislang noch für wenig Begeisterung - gezeigt werden Interviews, Reden und Dokumentationen. Die Macher sind sich der medialen Außenseiterrolle bewusst. „Das ist kein MTV“, meint ein Sprecher mit Blick auf den internationalen Musiksender.

In der Politik sind die Ansprüche aber dennoch groß. „Das Ziel ist, die hundertfache Zahl von Nutzern zu erreichen“, sagt der spanische Vizepräsident des EU-Parlaments, Alejo Vidal-Quadras. Statt 150 000 Zuschauern in vier Monaten wären das hochgerechnet dann 150 000 an jedem Tag.

Dafür will der Internet-Sender vom Februar an kräftig die Werbetrommel rühren. „Wir werden eine Marketing-Kampagne starten. Das ist ein guter Moment dafür“, sagt ein Projektsprecher. „Wenn die Leute sich das Programm angucken, dann doch vor den Wahlen.“

Korrespondenten von europäischen Medien in Brüssel hegen jedoch Zweifel an der Unabhängigkeit des Senders. Laut Satzung soll das Programm die Meinungsvielfalt im Parlament „unter angemessener Beachtung der jeweiligen Stärke der Fraktionen“ widerspiegeln. Nach diesem Schema würden die Konservativen und die ebenfalls gut vertretenen Sozialisten besonders viel Sendezeit erhalten. „Das ist ein Widerspruch - diese Klausel hat da nichts zu suchen“, kritisiert der Präsident der Vereinigung der internationalen Presse (API) in Brüssel, Lorenzo Consoli.

In Deutschland gibt es hauseigenes Bundestags-TV im Internet schon seit 2001, Werbung wurde dafür noch nie gemacht. „Die Zuschauerzahlen sind für uns ein Zeichen, wie das politische Interesse da ist“, sagt die Chefin des Parlaments-Fernsehens, Maika Jachmann, in Berlin. Und für gewöhnlich halte sich das in Grenzen. Immerhin wurden die Videos 2008 von rund drei Millionen Nutzern angeklickt - Tendenz steigend. Zu den Kosten für die Filmproduktion, an der in Sitzungswochen bis zu 14 Mitarbeiter beteiligt sind, will sich Jachmann nicht äußern.

Für „EuroparlTV“ arbeiten sogar mehr als 50 Kameraleute, Journalisten, Producer und Übersetzer. Österreichische Journalisten rechneten aus, dass eine Stunde Programm bisher rund 60 000 Euro kostete. Solche Rechenspiele lassen Parlaments-Vize Vidal-Quadras jedoch kalt: „Verglichen mit einem möglichen Publikum von fast 500 Millionen EU-Bürgern sind das sehr geringe Kosten.“

Neben der Produktion fließt das meiste Geld nach Angaben der Brüsseler TV-Macher in den Betrieb eines Servers mit eigener Internetadresse. Die Filme auf der Webseite des Bundestags sind hingegen schwerer zu finden - von einer eigenen Homepage hält man in Berlin nichts. Die Internetseite des Bundestags und das Parlaments- TV gehören in Berlin zusammen, betont TV-Chefin Jachmann. Bei wichtigen Live-Übertragungen stünden die Filme sowieso automatisch auf der Startseite.

Das EU-Parlament setzt hingegen auf die Weite des Internets. Die Videos soll nach Angaben des Abgeordnetenhauses zusätzlich auf Webseiten von Bildungskanälen oder Schulnetzwerken, aber auch auf YouTube platziert werden. Vizepräsident Vidal-Quadras hält das für den Schlüssel zum Erfolg: „Wenn etwas einmal in dieser Welt ist, kann es Millionen von Menschen erreichen“. Millionen EU-Bürger haben das Programm allerdings bislang ignoriert.

Internet: www.europarltv.europa.eu

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