Bloggen und twittern beim Grünen-Parteitag

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Deutsche Presse-Agentur

„11:29 Uhr: Frank Bsirske, der Verdi-Chef, will auch einen Green New Deal. Ist hier ziemlich beliebt“, schreibt der 17-jährige Marcel Emmerich am Samstag in seinem Internet-Tagebuch „Der Tagesschaum“.

Bei ihrem Europa-Parteitag an diesem Wochenende in Dortmund lassen die Grünen schon zum zweiten Mal fünf erfahrene Blogger live berichten - und kommentieren: „11:56 Uhr: "Grüner New Deal" klingt sehr dämlich. "Grüner neuer Handel" auch, bleiben wir doch bei "Green New Deal", bitte“, meint Emmerich.

Er kommt aus dem baden-württembergischen Reutlingen und bloggt seit 15 Monaten über dies und das, besonders gern über politische Themen. Bei der Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) der Grünen in Dortmund sitzt Emmerich mit seinen Blogger-Kollegen in der letzten Reihe hinter den Journalisten, hört zu, tippt auf der Tastatur, wechselt das Programm, tippt wieder und hört wieder zu. „Es läuft gut. Es ist sehr spannend, die Diskussionen und die Personen einmal live zu sehen“, sagt er.

Und Grünen-Prominenz zu interviewen: Zusammen mit einem Blogger-Kollegen spricht Emmerich 20 Minuten mit Bundestags-Fraktionsvize Hans-Christian Ströbele. Eine Stunde später sind eine Audio-Datei, zwei Stunden später zwei Videos im Netz. Kurz danach hat der Blogger schon den nächsten Spitzenpolitiker vor Kamera und Mikrofon: den hessischen Landesvorsitzenden Tarek Al-Wazir.

Doch Emmerich bloggt nicht nur, er „zwitschert“ auch, besser gesagt: er twittert. Dabei nutzt er den SMS-Onlinedienst Twitter, schreibt Kurznachrichten mit maximal 140 Zeichen und stellt sie ins Netz - eine Art Mini-Blog. „Mir wurde gerade erzählt, dass das hier die ruhigste BDK seit langem ist“, und nach dem Mittagessen: „Völlig überteuertes Essen schmeckt billig“.

Die Grünen sind nicht die ersten, die politisch twittern - oder twittern lassen. So hatte der neue US-Präsident Barack Obama in seinem Wahlkampf Helfer und Anhänger mit Twitter-Kurznachrichten auf dem Laufenden gehalten und zum Wählen animiert. Auch im hessischen Wahlkampf hatten mehrere Politiker und Parteien ihre Anhänger per Twitter-Nachrichten informiert, so etwa das CDU-Online-Wahlkampfteam „Webcamp09“ oder der SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel.

„Das Tolle ist, dass die Community politisch sehr interessiert ist und sehr gerne Feedback gibt“, erklärt Robert Heinrich, bei den Grünen verantwortlich für die Online-Aktivitäten, warum auch die Grünen selbst twittern - bislang als einzige Partei in Deutschland. „Twittern hilft uns, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Man ist gezwungen, sich kurz zu fassen.“ Und es mache Spaß. Auch ein paar grüne Spitzenpolitiker nutzten Twitter bereits, wie etwa Volker Beck oder Steffi Lemke.

Warum laden die Grünen der Partei mehr oder weniger nahestehende Blogger ein und zahlen ihnen Fahrt und Unterkunft? Heinrich: „Blogger beleuchten unseren Parteitag aus einem anderen Blickwinkel, als wir gewohnt sind.“ Auch in den kommenden Wahlkämpfen soll das Internet eine wichtige Rolle spielen: „Wir wollen das Netz vor allem nutzen, um Unterstützer zu mobilisieren. Die grünen Wähler sind die online-affinsten von allen. Über 80 Prozent der grünen Wähler bewegen sich regelmäßig im Netz.“

Dort können sie an diesem Wochenende etwa eine kleine Abhandlung über die Parteibasis von Blogger Bastian Dietz lesen. „Basisnähe ist bei den Grünen ein wichtiger Faktor. Vorteile sind vor allem eine unglaubliche "politische Erdung", gefolgt von einer hohen Glaubwürdigkeit“, schreibt er. Dietz twittert auch: „Jetzt spricht gerade ein ehemaliger Duma-Abgeordneter auf Englisch. Mann, sind die Grünen Europa!“.

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