Big Brother (neue Staffel)

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Deutsche Presse-Agentur
Jonas-Erik Schmidt

Welch ein Aufruhr. Das Jahr 2000 ist erst wenige Wochen alt, als Deutschland nur ein Thema kennt: einen Container in Hürth bei Köln. Als „skandalös“ kritisiert die Bundesregierung die Show, die dort produziert wird. Manch einer prophezeit den Untergang der Zivilisation, mindestens des guten Geschmacks.

Und mittendrin werden ein Automechaniker namens Zlatko und ein redseliger Feinblechner namens Jürgen über Nacht zu Stars. Die Show heißt „Big Brother“.

Heute kann man sich kaum noch vorstellen, was der Start des Reality-Formats damals auslöste. Menschen abzuschotten und rund um die Uhr zu überwachen war eine Idee, auf die zuvor noch niemand gekommen war oder kommen wollte. Ein Tabu, vielleicht. Vor allem aber ein riesiger Erfolg. Auch deshalb ist das Konzept nicht tot zu kriegen: Diesen Montag (10. Februar, 20.15 Uhr, Sat.1) startet eine neue Staffel „Big Brother“, vom Sender Sat.1 selbst als „Jubiläumsstaffel der Mutter aller Reality-Shows“ beworben. Neben „Promi Big Brother“ ist es die 13. Ausgabe mit Normalos.

Antreten werden 14 Kandidaten, ausgewählt aus 14.000 Bewerbern. Der Container ist mittlerweile Geschichte, es gibt zwei Häuser. Auf der einen Seite steht das sogenannte Blockhaus, ein sehr rustikaler Bau mit der Aura einer Skihütte. Im Garten picken Hühner, es gibt eine Stelle zum Holzhacken. Auf der anderen Seite wurde das sogenannte Glashaus errichtet - eine sehr viel modernere Behausung mit großen Fenstern, Whirlpool, Fitnessraum und gigantischen Leinwänden.

Die Idee dahinter: Das Blockhaus steht für die Offline-Welt, das Glashaus dagegen für das digitale Dasein. Die Mechanismen des Internets sollen übertragen werden - auch die brachiale Bewertungslogik sozialer Netzwerke. Zuschauer können per App „den Wert der Bewohner“ bestimmen - von einem Stern bis zu fünf Sternen. Welchen Einfluss das genau haben wird, ist gleichwohl noch geheim.

Sat.1 bewirbt die Show dazu passend mit provokativen Slogans wie „Wie viel ein Mensch wert ist, bestimmst du“ oder „Jeder Mensch hat einen Wert“ - was Kritik hervorrief. Der Sender verteidigte das Konzept mit dem Verweis, „Big Brother“ sei schon immer ein „Sozialexperiment“ gewesen. Erstmals gebe es nun die Möglichkeit, den Bewohnern per direkter Bewertung ein Feedback zu geben - so, wie es viele Menschen täglich offline und online täten. Geplant ist die Show für 100 Tage.

Die Aufregung vor dem Start war natürlich nicht vergleichbar mit dem Wirbel um die erste Staffel. Es dürfte auch nicht leicht werden, den Reiz des Formats von damals irgendwie ins Jetzt zu übertragen. Viele Menschen entblättern ihr Privatleben heute ganz freiwillig im Internet. Shows mit Dauer-Überwachung gibt es reihenweise, die Grenzen des Sendbaren haben sich verschoben. Heute wird im deutschen Fernsehen nackt gedatet - wo sollen da noch Tabus schlummern?

Rainer Laux von der Produktionsfirma Endemol Shine Germany ist ein Mann der ersten „Big Brother“-Stunden, er müsste es wissen. „Damals war „Big Brother“ ein noch nie dagewesenes TV-Sozialexperiment“, sagt er. Und da wolle man wieder hin. „Dieses Jahr wird ein Teil der Bewohner so leben, als ob es noch kein Instagram und Facebook gäbe, die anderen dürfen und müssen sich mit der Meinung der Zuschauer auseinandersetzen.“

Seine Erinnerungen an den Irrsinn von damals sind aber noch sehr präsent. 10.000 Menschen standen vor dem Container, als Zlatko auszog. Das Auto, das ihn zum Studio fuhr, wurde derart bedrängt, dass es fast ein Totalschaden war. Laux sagt: „Die Stadt Hürth sperrte danach zu jeder Auszugsshow die Stadt weiträumig ab, aber das konnte die Menschenmassen trotzdem kaum abhalten. Wir mussten damals nach jedem Showtag die Gärten und Straßen der Anwohner reinigen lassen.“

Zumindest das wird sich nicht wiederholen. Die „Big Brother“-Häuser stehen heute im recht kargen Kölner Stadtteil Ossendorf.

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