Bewahrer der jüdischen Geschichte

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Schwäbische Zeitung
Redaktionsleiter

Die Nationalsozialisten haben die einst blühende israelitische Gemeinde in Laupheim ausgelöscht. Wer sich auf Spurensuche begibt, wird den jüdischen Friedhof entdecken. Und mit etwas Glück den Mann antreffen, der den Ort seit vielen Jahren in seiner Freizeit pflegt und bewahrt: Michael Schick. Wie er dazu gekommen ist? „Die Geschichte meiner Heimatstadt hat mich schon immer interessiert“, sagt Schick.

Mit Frau und Tochter wohnt der Kriminaltechniker in einem der ältesten Häuser Laupheims, 1660 erbaut, seit 1784 in Familienbesitz, tadellos hergerichtet. „Sich davon zu trennen, war nie eine Option.“

Zu Beginn der 1990er-Jahre lernte er Ernst Schäll kennen, der nach dem Krieg als einer der Ersten in Laupheim das jüdische Erbe in Erinnerung rief und geschehenes Unrecht beim Namen nannte. Unermüdlich kümmerte Schäll sich um den jüdischen Friedhof und brachte es als Autodidakt zu einer solchen Meisterschaft, vom Zerfall bedrohte Grabsteine zu erhalten, dass selbst professionelle Restauratoren bei ihm in die Lehre gingen. Michael Schick, der ihm schon bald bei der Arbeit assistierte, ebenfalls.

Als der Laupheimer Ehrenbürger Schäll 2010 starb, war es für Schick selbstverständlich, das Werk fortzuführen. Fast 130 der annähernd 1000 Grabsteine hat er selbst denkmalgerecht konserviert. Dabei geht es ihm nicht um „Kosmetik“, sondern darum, den Zerfallsprozess zu stoppen, schadhafte Stellen auszubessern und die Standsicherheit zu gewährleisten. Fast alle Grabmäler sind aus Buntsandstein; Umwelteinflüsse machen sie mürbe und weich, Risse tun sich auf, Wasser dringt ein und spaltet das Material.

Beim Thema jüdische Geschichte bezeichnet sich Schick gern als „fachkundigen Laien“. Damit neigt er zu ehrenhafter Untertreibung. Wie sein Lehrmeister Schäll hat er Arbeitsverfahren für den Erhalt des Friedhofs entwickelt, die seine Expertise belegen. Das Problem, dass der Stein frisch aufgetragenem Mörtel das Wasser entzieht, bevor dieser aushärtet, löst er mit krankenhausüblichen Infusionsbeuteln. Mit ihrer Hilfe hält er den Mörtel so lange wie nötig wohldosiert feucht.

„Die Menschen, die hier begraben sind, haben Nachkommen, die weit weg leben, in Israel, England oder Amerika“, sagt Schick. „Sie haben keine Möglichkeit, die Gräber zu pflegen.“ Dies stellvertretend zu tun, empfindet er als eine Form generationenübergreifender Wiedergutmachung. „Damit die Angehörigen spüren, hier sind jetzt Menschen am Werk, die anders denken als so viele Deutsche in der Hitler- Zeit.“

Inzwischen kommen Enkel und Urenkel nach Laupheim, um zu sehen, wo ihre Wurzeln sind. Wenn Schick gerade auf dem jüdischen Friedhof zugange ist – was häufig der Fall ist –, dann hilft er den Besuchern, die Gräber zu finden, berichtet, hört zu und knüpft weiter an einem längst weltumspannenden Kontaktnetz. „We come from New York City“, hat sich vor einiger Zeit ein Ehepaar vorgestellt. Der Mann, James Henley, ist Direktor der New Yorker UBahn und ein Urgroßneffe des in Laupheim geborenen jüdischen Kantors und Komponisten Moritz Henle.

17 Gräber der Familie Henle konnte Schick ihm zeigen. Nachkommen die Recherche erleichtern: Zu diesem Zweck hat Schick eine Online-Ausgabe des „Gedenkbuchs“ bewerkstelligt, in dem die Laupheimer Gesellschaft für Geschichte und Gedenken umfängliches biografisches Wissen über die jüdische Gemeinde und ihre Zerstörung nach 1933 zusammengetragen hat. Eine Übersetzung ins Englische hat er initiiert, sie steht kurz vor dem Abschluss. Regelmäßig leitet Schick Realschüler und Gymnasiasten an, die zur Friedhofspflege kommen – das hat schon Tradition in Laupheim, auch auf diese Weise lässt sich Geschichte vermitteln. Schick selbst hat im Einvernehmen mit der Stadt und ehemaligen jüdischen Laupheimern ein Sechsjahresprojekt gestartet: Der allenthalben wild wuchernde Efeu und Farn wird nach und nach gegen Cotoneaster ausgetauscht, einen langsam wachsenden Bodendecker.

Die Stadt Laupheim zahlt Schick seit einigen Jahren eine kleine Aufwandsentschädigung für seine Arbeit auf dem Friedhof. Kübelweise Herzblut vergießt der 48-Jährige im Übrigen auch für ein zweites historisches Thema: die Geschichte der Autofabrik Steiger, die im benachbarten Burgrieden von 1918 bis 1927 als „schwäbische Bugattis“ gerühmte Kraftfahrzeuge baute. Schick sammelt eifrig alles über Steiger. Zu seinen größten Schätzen gehört dabei ein komplett erhaltener Motor aus dem Jahr 1920.

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