Besuch in Nottingham: Robin Hood lebt!

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Alexei Makartsev

Nichts ist wie es einmal war in Nottingham. Die Traditionalisten mögen bitte weglesen. Der Sheriff ist nämlich eine Frau. Sie ist schwarz und kommt aus Jamaika. Nicht nur das, der Sheriff ist auch noch eng befreundet mit Robin Hood. Allerdings gibt es im heutigen Nottingham nicht einen, sondern gleich zwei Robins, und der „echte“ und Rächer der Armen hat schottisches Blut in seinen Adern fließen und versteht sich als ein Öko-Schamane. Verwirrend? Und doch ist es wahr.

In der Stadthalle am Marktplatz reicht eine Brillenträgerin mit langen, roten Fingernägeln dem Besucher die weiche Hand. Merlita Bryan trägt lilafarbene geflochtene Haarzöpfe und eine goldene Kette. Ihre Haut schimmert wie schmelzende Schokolade, und wenn die 62-Jährige lächelt, erinnert sie an den Filmstar Whoopi Goldberg. „Es ist wunderbar, meine Stadt als Sheriff repräsentieren zu dürfen“, sagt Bryan und prustet los: „Es wäre noch schöner, wenn ich ab und zu jemanden zum Spaß verhaften könnte. Aber das geht leider nicht.“

Die gebürtige Jamaikanerin war 1962 mit ihrer Familie nach England ausgewandert. Merlita Bryan ging zur Schule in Nottingham, sie arbeitete als Friseurin und Gewerkschaftlerin, ehe die beliebte Stadträtin 2012 zum neuen Sheriff gewählt wurde – als erste schwarze Frau auf diesem Posten seit 1449. „Meine Vorgänger fingen früher Diebe. Aber ich musste bei der Vereidigung nicht mehr schwören, Robin Hood zu jagen“, sagt schmunzelnd Bryan.

Statt für Recht und Ordnung zu sorgen, ist der weibliche Sheriff also damit beschäftigt, den Tourismus zu fördern, Gemeindefeste zu eröffnen und gemeinsam mit ihrem Freund Tim, dem „offiziellen Robin Hood“ aus dem Nottingham Castle, Geld für Wohltätigkeit zu sammeln. „Das Schönste war, die Queen zum Thronjubiläum bei uns empfangen zu dürfen“, erzählt Bryan. „Ihre Majestät schüttelte meine Hand und sagte: ,Gut gemacht‘. Sie war sichtlich schockiert“.

Elizabeth II. dürfte Nottingham kaum wiedererkannt haben. Das ehemals hässliche Entlein der postindustriellen Midlands hat sich in den vergangenen zehn Jahren zu einer attraktiven Universitätsstadt mit 305000 Bewohnern gewandelt. Die renovierte Fußgängerzone und die elegante Einkaufspassage Exchange knüpfen an die Blütezeit des ehemals führenden Produktionsstandorts von Spitzen an. Doch die englische Partnerstadt von Karlsruhe hat seit der Rezession 2008 mit großen Problemen zu kämpfen.

Weil die Regierung in London weniger Geld überweist, muss Nottingham bis 2015 über 100 Millionen Pfund einsparen. Jeder dritte Haushalt hier ist arbeitslos, die Kinderarmut liegt mit 35 Prozent über dem nationalen Durchschnitt. Allerdings hat Nottingham den anderen leidenden Städten etwas voraus: die unsterbliche Legende vom edlen Meister des Bogens. Ausgerechnet ein Phantom, den es nach Historikermeinung nie gegeben hat, gibt in harten Zeiten den Menschen an den Ufern des Trent neue Hoffnung.

So werden schon bald die alten Sherwood-Eichen vom Echo des Baulärms erzittern. Eine Privatfirma hat die Erlaubnis bekommen, am Rand des Waldes ein mittelalterliches Dorf mit Schloss, Ritterschule und „Kampfarena“ zu errichten. Die interaktive Robin-Hood-Attraktion soll 15 Millionen Euro kosten, ihre Eröffnung ist für 2015 geplant.

Und der legendäre Rebell von Nottingham? Er übt schon feierliche Ansprachen.

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