Berlins Neues Museum strahlt wieder

Lesedauer: 7 Min
Deutsche Presse-Agentur

Nofretete blickt auf Helios: Die ägyptische Schönheit und der griechische Gott - sie werden sich im Neuen Museum auf Augenhöhe gegenüber stehen, dazwischen ein 85 Meter langer Korridor als Brückenschlag über die Jahrhunderte.

Wenn Mitte Oktober die einst prächtigste Ruine auf der Berliner Museumsinsel nach mehr als 60 Jahren wieder geöffnet wird, wird sich vor dem Besucher ein spektakuläres Panorama der Weltkultur ausbreiten. Doch schon vom 6. bis 8. März können Besucher das noch leere Meisterwerk des Schinkel- Schülers Friedrich August Stüler (1800-1865) vorab drei Tage lang bestaunen.

Der Stararchitekt David Chipperfield hat den im Krieg schwer beschädigten Palast wieder hergestellt - und die Wunden der Geschichte weder zugekleistert noch verputzt. Anders als üblich wurden die Schäden als sichtbares Zeichen in das Ensemble eingefügt.

„Wir wollten kein Gebäude herstellen, in dem nur Schäden und Fragmente zu sehen sind, sondern es als Ganzes wieder erlebbar machen“, sagte Chipperfield bei einem Rundgang vor der Übergabe des Hauses an die Berliner Museen. Die „Raumidee“ von Stüler sollte wieder belebt werden, ergänzt Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. In den kommenden Monaten werden nun die Schätze aus drei Jahrtausenden in das Haus einziehen, darunter auch Nofretete. Bisher sind sie im Alten Museum gegenüber untergebracht.

Kein Stein entging Chipperfields Auge. Zentimeter für Zentimeter arbeiteten sich die Restaurierungsfachleute vor, legten den alten Putz frei, befreiten die prächtigen Fresken von Staub und Feuchtigkeit. So wechseln sich nun an der Fassade und über die vier Geschosse die Stellen ab, die entweder völlig neu, restauriert oder wie etwa beim verwitterten Wandschmuck nur noch als blasse Erinnerung wahrgenommen werden.

Abgeblätterte Farbe wurde mit einem ähnlichen aber nicht identischen Ton vervollständigt, Putz nur hier und da komplettiert, die Einschusslöcher aus dem Krieg blieben erkennbar. Zehn Jahre mühten sich Chipperfield und sein Berliner Team um das Projekt, mit dem die wiedervereinte ägyptische Sammlung im Unesco-Erbe Museumsinsel ihren endgültigen Platz bekommen soll.

Das neue alte Haus ist nichts für Nostalgiker, die sich wie beim künftig wiederaufgebauten Stadtschloss-Imitat Preußens Glanz und Gloria versprechen. Chipperfield, der pikanterweise Mitglied der Schloss-Jury war, wollte für sein Projekt keine Kopie. Die wieder hergestellte Museumsruine strahlt bei allen sichtbaren Rissen und Brüchen aber noch immer den kühlen Charme preußischer Baukunst aus.

Vor allem in dem einst pompösen Treppenhaus hat Chipperfield sein Konzept am sichtbarsten umgesetzt. Wo einst Wandmalereien und Dekor der Antike huldigten und goldschimmernde Deckenbalken an eine römische Villa erinnerten, steht nun wieder ein Aufstieg - allerdings aus Edelbeton. In einer Mischung aus Natursand, weißem Beton und sächsischem Marmor - mal poliert, mal rau - ragt der Aufgang über die Geschosse wie ein Eisberg empor. Er habe die „physische Gegenwart“ der Treppe beleben wollen, sagte der Brite. In dem von den Weltkriegsbomben völlig zerstörten Zentralraum sind nun statt der opulenten Wandbilder Wilhelm von Kaulbachs über die Stationen der Menschheitsgeschichte Ziegelwände zu sehen.

Schon lange vor der ersten öffentlichen Präsentation hatten die ersten Entwürfe für Aufruhr gesorgt. Doch die alte Pracht, da waren sich Chipperfield und die Denkmalschützer einig, konnte nicht mehr hergestellt werden - es sei denn wie in Las Vegas, wo Hotels etwa als Venedig-Nachahmung gebaut werden. Dafür war Chipperfield nicht zu haben. Es wäre sicher einfacher gewesen, die auf 233 Millionen Euro bezifferten Restaurierung bei Null zu beginnen und die beschädigten Teile einfach durch identische neue zu ersetzen. Aber Chipperfield wollte keine Stüler-Replik bauen.

Auch in den anderen Räumen bleibt die Geschichte des Hauses sichtbar. So wird im Eingang die fehlende Dekoration in den Deckenkassetten nur mit Ziegeln ergänzt, um dem Raum seine Vollständigkeit wiederzugeben und einen sanften Übergang zu den wenigen Stellen mit Originalputz zu schaffen. Im Ethnographischen Saal werden die nur noch dürftig verputzten Säulen als tragende Konstruktionselemente wie in einem Architekturmuseum sichtbar. In den Ägyptischen Hof hat Chipperfield eine verglaste Betonkassettendecke und ein Podium eingezogen, auch hier bleiben Ziegelwände sichtbar.

Chipperfield ist kein Dogmatiker und hat Stülers ursprünglichen Plan für das Neue Museum in der Architektursprache unserer Tage vervollständigt. Der zerstörte südöstliche Kuppelraum steht nun wieder als ein sich vom Quadrat zum Kreis wandelnder Ziegelturm, der an einem Oberlicht endet. Hier ist Helios schon aufgestellt. Nofretete soll in den kommenden Monaten in den Nordkuppelsaal ziehen - in Sichtweite des Sonnengottes.

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen