Berlin-Bashing ist schwer in Mode

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Boris Palmer
Boris Palmer, Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, mag Berlin nicht besonders. (Foto: Sebastian Gollnow / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Stefan Kruse

Tübingen funktioniert. Seit Dienstag lockt in den Altstadtgässchen der schwäbischen Perle ein Schokoladenfestival mit süßen Sünden. Beim „Schreibtreff“ in der Stadtbücherei können sich Interessierte eigene Geschichten vorlesen. Die Stadt ist beliebt bei Studenten, gilt als Vorreiter beim Klimaschutz, samstags fahren Busse kostenlos.

Da kann Berlin nicht mithalten, meint Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne). „Wenn ich dort ankomme, denke ich immer: „Vorsicht, Sie verlassen den funktionierenden Teil Deutschlands“, sagte er den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

In der Hauptstadt klappe einfach gar nichts, will Palmer festgestellt haben. „Ich komme mit dieser Mischung aus Kriminalität, Drogenhandel und bitterer Armut auf der Straße als spießbürgerliche baden-württembergische Grünen-Pflanze schlicht nicht klar. Ich will diese Verhältnisse in Tübingen nicht.“

Mit „diesen Verhältnissen“ schlagen sich in Berlin immerhin 3,7 Millionen Bewohner herum. Jährlich kommen 40 000 hinzu, was der halben Stadt Tübingen entspricht. Dabei darf als gesichert gelten, dass die allermeisten freiwillig in die Hauptstadt kommen, auch aus dem Schwäbischen. Die einzigartige Kulturlandschaft, die Clubszene, die Möglichkeit zur persönlichen Entfaltung, gute Jobs oder einfach ein besonderes Lebensgefühl gehören zu ihren Argumenten.

Gleichzeitig ist das „Berlin-Bashing“, bei dem Palmer mitmacht, in Mode. Vielleicht auch ein bisschen zu Recht? Vielerorts in Deutschland schauen Menschen mit einer Mischung aus Bewunderung und Kopfschütteln nach Berlin - auf die Stadt also, die sie mit ihrem Steuergeld über den Länderfinanzausgleich oder Bundesmittel mitfinanzieren. Denn aus der rot-rot-grün regierten Metropole hören sie allerlei Merkwürdigkeiten, die auch viele Berliner schwer nerven.

Einen Termin beim Bürgeramt zu bekommen, um einen neuen Ausweis zu beantragen, kann Wochen dauern. Das gilt auch für die Bestellung des Aufgebots beim Standesamt oder für Sterbeurkunden. Bezahlbare Wohnungen sind knapp, Kita-Plätze oder Lehrer auch. Weil jahrzehntelang gespart wurde, sind Schulen marode. Clans treiben in manchen Stadtteilen ihr kriminelles Unwesen, in Kreuzberg verticken Drogenhändler weitgehend unbehelligt ihre Ware. Obdachlose und Bettler gehören vielfach zum Straßenbild. In Neukölln werden alte Sofas oder Matratzen einfach auf dem Bürgersteig entsorgt.

Die von Rot-Rot-Grün deklarierte „ökologische Verkehrswende“ hatten sich viele auch anders vorgestellt. Weil Wagen und Fahrer fehlen, schaffen es die Verkehrsbetriebe auf vielen U-Bahn-Linien nicht mehr, einen berechenbaren, zuverlässigen Betrieb zu organisieren. Berufspendler wie Touristen quetschen sich in überfüllte Züge, die häufig auch noch weniger Waggons haben als üblich. Oder nehmen - solange auf ihrer Route noch kein Diesel-Fahrverbot gilt - das Auto.

Die „FAZ“ befand vor einiger Zeit, die Politik in Berlin werde der Missstände nicht Herr. Dort herrsche „organisierte Unzuständigkeit“. „Spiegel Online“-Kolumnist Jan Fleischhauer versteifte sich gar auf die These, Berlin sei das „Venezuela Deutschlands“. Ein Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“ verglich die Stadt am Wochenende mit einem Entwicklungsland „in Afrika“.

Nun zu behaupten, Berlin funktioniere gar nicht, wäre aber unfair. Irgendwie ruckelt sich in der Hauptstadt immer alles zurecht. Mal abgesehen vielleicht vom immer noch nicht fertigen Pannenflughafen BER als Dauerärgernis. Der Senat hat viele Probleme erkannt und vom milliardenschweren Schulsanierungsprogramm über ein Mobilitätsgesetz, einer Aufstockung des Personals in Verwaltung und Polizei bis hin zum Wohnungsbau manches angestoßen. 2019, 2020 oder 2021 soll vieles besser werden, heißt es aus dem Roten Rathaus.

Und überhaupt die Schwaben. Auf die sind manche in Berlin ohnehin nicht gut zu sprechen. Im Prenzlauer Berg stammt gefühlt jedes zweite Helikopter-Elternpaar aus dem Südwesten. Was zu Problemen führt. Auf eines wies der SPD-Politiker Wolfgang Thierse schon 2012 hin, als er sich darüber beklagte, dass sein Bäcker um die Ecke Wecken anbietet statt Schrippen, wie die Brötchen in Berlin eigentlich heißen. „Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche“, grummelte er.

In den aktuellen „Schwaben-Fall“ schaltete sich auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) ein. In der „Fast 4-Millionen-Stadt“ Berlin gebe es besondere Probleme, Anforderungen und Dynamiken. „Die sind nun in der dörflichen Struktur, in der Herr Palmer arbeitet, so nicht zu finden.“ Palmer, der gerne mal provoziert, ließ sich dadurch aber nicht beeindrucken und legte nach: „Berlin ist ein failing state“, twitterte er. „Wer da leben will, soll es tun. Ich will es nicht und stehe dazu.“

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Beitrag in der Funke-Zeitung "Berliner Morgenpost"

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