Beim M'era Luna 2013 feiern 25 000 finstere Festivalgäste ein buntes Fest

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Mit Liebe zum Detail: eine Besucherin beim M'era Luna. (Foto: Klaus Wieschemeyer)
Schwäbische Zeitung
Melanie Heike Schmidt

Schon mal etwas von Steampunk gehört? Falls nicht, muss diese Bildungslücke geschlossen werden. Wer mitreden will, sollte sich Folgendes merken.

Erstens: Braun ist das neue Schwarz, zu erkennen an einigen der insgesamt 25000 Musikfreunde, die sich dieses Jahr ein Ticket für das M'era-Luna- Festival in Hildesheim gekauft haben, einem der größten Szene-Treffen in Europa. Zwar dominierte die Farbe Schwarz wie jedes Jahr das Festivalgelände, doch zwischen nachtdunklen Brokatroben, pechfarbenen Ledermonturen oder düsteren Vampir-Outfits fielen besonders diejenigen auf, die viktorianisch inspirierte Gewänder in allen erdenklichen Brauntönen trugen. Und dazu messingfarbene Accessoires kombinierten. Wer an alte Jules-Verne-Bücher oder die Filme „Wild Wild West“ und „Sky Captain and the World of Tomorrow“ denkt, kann sich den Stilmix aus viktorianischer Mode und Mechanik-Elementen vorstellen.

Aufs M'era Luna übertragen, sah das so aus: Da waren edle Damen in eng geschnürten Lederkorsagen und mit kleinen Uhren an langen Ketten um den Hals, Herren im Gehrock, mit Stock und Zylinder. Womit wir bei Punkt Nummer zwei wären: die Musik dazu. Die lieferte die Berliner Band Coppelius, deren sechs Mitglieder irgendwo im 19. Jahrhundert hängen geblieben sind. Mit klassischen Instrumenten wie Klarinette, Cello und Klavier erzeugen sie einen druckvollen Sound, der nicht anders als Metal zu nennen ist. Erstaunlich, wirklich neu und schlicht großartig ist dieses Konzept, wenn auch ein wenig exzentrisch. Aber diese Gentlemen von Coppelius können sich auf eine große Karriere freuen, wie der gefeierte Auftritt am zweiten Festivaltag und die lange Schlange bei ihrer Autogrammstunde gezeigt hat. Drittens hat die vielleicht etwas verwirrende Genrebezeichnung Steampunk nichts mit Anarcho-Mucke zu tun.

Ebenfalls schleierhaft bleibt, warum die finnischen Love-Dark-Rocker Him am Samstag den Headliner geben mussten, denn der Auftritt der Band um den einst ätherisch schönen Sänger Ville Valo geriet lahm und lustlos. Die ebenfalls aus Finnland angereisten Nightwish wetzten die Scharte am Sonntagabend aber wieder aus. Angetan mit einer neuen Sängerin (mal wieder), die ihren Vorgängerinnen stimmlich und optisch in Nichts nachstand, boten die Walküren-Metaller einen würdigen und feurigen Festivalabschluss.

Wenn der Security-Mann tanzt

Der Rest des breit gefächerten Programms ist schnell erzählt. Top waren: Lord Of The Lost, The Crüxshadows, Mono Inc., Deine Lakaien und Unzucht. Grandios geriet die Show der norwegischen Future-Pop-Combo Apoptygma Berzerk, die sogar einen Security-Mann, der vor der Bühne Dienst schob, in einen Tanzflash versetzte. Tiefschläge gab es auch, etwa den enttäuschenden Gig von The Klinik, den eintönigen Auftritt von Front 242 oder das kitschig-gefühlige Schlager-Gehabe von Staubkind. Ach ja, und über Blutengels Theater mit viel Feuergedöns, nackter Tänzerinnen-Haut und operettenhaft großen Gesten kann man auch geteilter Meinung sein...

Die Mittelalter-Rock-Fraktion kam auch nicht zu kurz. Stimmung verbreiteten Saltatio Mortis und Cultus Ferox, Tanzwut dagegen machten ihrem Namen wenig Ehre. Und wer Rammstein mag, rieb sich bei deren Klonen namens Ost+Front irritiert Augen und Ohren.

Da war es doch besser, übers Gelände zu stromern und den Anblick von einigen toll ausstaffierten Steampunks zu genießen und dabei ein paar flotte Takte von Coppelius zu summen.

Dieses Jahr war das M'era Luna erstmals ausverkauft, 2014 steigt das Fest am 9. und 10. August unter anderem mit Deine Lakaien, Subway to Sally, Das Ich und Letzte Instanz. Der Vorverkauf läuft schon. Infos unter www.meraluna.de.

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