Beim Kauf eines gebrauchten Cabrios kommt es vor allem aufs Verdeck an

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Auch bei älteren Cabrios wie diesem Mercedes 560SL mit Baujahr 1987 sollte sich das Verdeck problemlos öffnen lassen.
Auch bei älteren Cabrios wie diesem Mercedes 560SL mit Baujahr 1987 sollte sich das Verdeck problemlos öffnen lassen. (Foto: Uwe Anspach/dpa)
Inga Stracke

Der Frühling ist Cabriozeit, Autos mit Verdeck stehen wieder hoch im Kurs. Wer sich eines kaufen will, findet auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt viele Angebote. Doch hier lauern einige Tücken, auf die Interessenten gefasst sein sollten. Im Fokus steht das Verdeck – es ist allerdings nicht die einzige kritische Stelle.

„Ich muss darauf achten, ob es einwandfrei funktioniert und sich leicht bedienen lässt“, erklärt Vincenzo Lucà vom TÜV Süd (Foto: Claus Uhlendorf) mit Blick auf das Verdeck. Für das Öffnen und Schließen dürfe man keinen großen Kraftaufwand benötigen, es müsse leichtgängig sein. Viele Fahrzeuge haben dafür eine Automatik eingebaut, diese sollte nicht ruckeln.

Ein Laie wird aber nicht alle Details erkennen. Daher rät Lucà dazu, auf eine einwandfreie Wartungshistorie zu achten: „Gelenke und Scharniere sollten leicht funktionieren, denn natürlich gehört die Verdeckmechanik zum Wartungsplan der Werkstätten.“

Auch die Dichtungen seien Schwachstellen, warnt der Experte. Sie könnten einreißen, zum Beispiel durch falsche Handhabung, aber auch durch Alterung des Materials. Bei einer gerissenen Dichtung könne es zu Wassereinbruch kommen oder zu Pfeifgeräuschen durch den Fahrtwind, schildert Lucà. Daher empfiehlt er, sich die Dichtungen entlang des Verdecks sowie die Anschlüsse am Scheibenrahmen anzusehen. Bei der Probefahrt sollte man außerdem genau auf Windgeräusche achten.

Jörg Dilge arbeitete lange für den unter anderem auf Cabrios spezialisierten Autobauer Karmann. Heute ist er Besitzer des daraus hervorgegangenen Cabriozentrums Osnabrück und auf den Austausch von Verdecken spezialisiert, erklärt er.

Für die meisten Probleme gibt es aber Lösungen: „Wir haben Verdeckreiniger, beispielsweise für ein grün gewordenes Dach“, sagt Dilge. Man könne auch einen neuen Verdeckbezug montieren, das koste im Schnitt rund 1400 Euro. Auch Vertragswerkstätten der Hersteller machten je nach Modell einen Austausch, der Originalbezug sei aber deutlich teurer. Das ist dann eine Kalkulationsfrage: Lohnt sich der Kauf eines Cabrios mit beschädigtem Verdeck für den günstigeren Preis noch, wenn man die Kosten für den Austausch dazurechnet?

Auch das Material des Verdecks ist ein Faktor. „Stoff- und Kunststoffverdecke können mit der Zeit altern – und dort, wo sie gefaltet werden, auch brechen“, erklärt Vincenzo Lucà. Entscheidend sei die Frage, ob das Auto ganzjährig gefahren wurde. „Etwa nach zehn Jahren sollte man genauer hinschauen, vor allem bei Stoffverdecken“, rät er. Doch auch ein 20 Jahre altes Verdeck könne top sein, sofern es gut in Schuss gehalten wurde und wenig UV-Licht abbekommen hat.

Ein Wagen, der immer draußen steht, ist meist in einem anderen Zustand als ein Garagenfahrzeug: „Das Sonnenlicht spielt eine sehr große Rolle. Kunststoffe altern, sie werden spröde und verlieren ihre Weichmacher“, betont Lucà. Das führe zu Brüchen. Auch kleine Löcher könnten entstehen, da müsse man als Käufer wirklich genau hinschauen.

Scheiben verschleißen ebenso – denn Kunststoffscheiben werden mit den Jahren trüb, vor allem wenn das Auto häufig in der Waschstraße war. Undichtigkeiten zwischen Scheibe und Verdeck sind immer möglich.

Ein Cabrio sei „im Prinzip nie hundertprozentig dicht. Es gibt immer irgendwo einen leichten Wassereinbruch“, sagt Lucà. Das Auto habe eben eine große Klappe, durch die Wasser hineinlaufen kann – an den Säulen entlang kriecht es in den Innenraum und kann für Rost an den Bodenblechen sorgen.

Das passiere, anders als bei geschlossenen Autos, von innen nach außen. Deshalb rät der TÜV-Fachmann: „Man sollte auf jeden Fall den Teppich hochheben und unten auf die Bodenbleche schauen.“ Denn das Thema Rost am Bodenblech sei beim Cabrio sicherlich größer.

Ein weiterer Prüfpunkt sind die Türen. Hartmut Adam von der Zeitschrift „Cabriolife“ rät dazu, mit einem Rad auf dem Bordstein zu fahren, so dass der Wagen schräg steht. „So kann man gut prüfen, ob die Karosse noch stimmt.“ Hierbei geht es darum, „dass man die Türen leicht öffnen und schließen kann und auch das Verdeck in dieser Stellung noch gut läuft, schließt und öffnet, egal ob Automatik oder Handbetrieb. Alles muss einwandfrei funktionieren“, erläutert Adam.

Bei einem Cabrio seien die versteifenden Funktionen anders als bei anderen Autos, sagt Adam. Stabilität und Versteifungen gibt es vor allem über dem Unterboden. Deswegen sei das Schrägstellen ein wichtiger Test zum Prüfen, wie verwindungssteif die Karosse noch ist.

Oft sind Cabrios Sommerautos und stehen im Winter in der Garage. Wer den Wagen dabei nicht aufbockt oder die Reifen stärker aufpumpt, riskiert platte Pneus. Unwuchten drohen. Die spüre man, wenn man bei der Probefahrt langsam fährt, erklärt Adam. „Ich muss mir die Reifen auch genau anschauen, denn das kann man sogar sehen.“

Bei offenem Verdeck strahlt die Sonne nicht nur ungehindert auf die Insassen, sondern auch auf Sitze und Armaturen. Deshalb ist zu prüfen: Wie ist der Zustand der Bezüge? Ist das Material des Armaturenbretts eventuell porös? Adam rät dazu, die Übergänge an den Seiten des Armaturenbretts zu prüfen und auch das Spaltmaß.

Außerdem sollten sich angehende Cabriobesitzer fragen, wo sie ihren Wagen eigentlich unterbringen wollen. Gibt es einen Stellplatz für den Winter? Das klärt man lieber bereits vor einem Kauf ab.

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