Beifall und Buhs für Kupfers „Lustige Witwe“

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Schwäbische Zeitung

Hamburg (dpa) ­ Jetzt hat der Börsen-Crash auch Hamburgs Staatsoper erreicht. In Harry Kupfers Neuinszenierung von Franz Lehárs Operette „Die lustige Witwe“ rutschen jedenfalls die Dollar- und Euro-Scheine gleich en masse vor aller Augen ins Wert- und Bodenlose.

Das globale Finanzdebakel als Folie für die frivolen Verwicklungen um ein Millionen-Vermögen, um Liebe und Promiskuität im Pariser Diplomaten-Milieu? Statt eines Alptraums provozierte es eher Gelächter beim Hamburger Premierenpublikum, das den Regisseur und sein Team am Ende nicht nur mit Beifall, sondern auch mit harschen Buhs verabschiedete.

Die Hamburger Neuproduktion der „Lustigen Witwe“ war nicht Kupfers erste Begegnung mit Lehárs Meisterwerk. Die fand bereits 1986 an der Berliner Komischen Oper statt, wo Kupfer das Geschehen rabiat mit Bildern von Nazi-Aufmärschen, Judenverfolgungen und Bücherverbrennungen aufgeladen hatte. Krassen Gegenbildern also zur angeblich so realitätsfernen Gattung Operette. Für Hamburg legte der heute 73-Jährige das Ganze aber nun weit harmloser, politisch weniger brisant an, ohne allerdings auf ironische Brechungen der ohnehin brüchigen Geschichte ganz zu verzichten.

So steckte er seine „Lustige Witwe“ 2009, auch wenn der Verfremdungseffekt inzwischen arg ausgewalzt wirkt, in eine Traum-Fabrik, in der mit unablässigen Kameraschwenks und Petticoat-Pirouetten ein Film-Remake der „Lustigen Witwe“ gedreht wird. Klar, dass dabei das Aufgeblasene und Selbstverliebte der Gattung sarkastisch bloßgestellt werden sollte, was allerdings nur selten elegant und unverkrampft gelang. Kupfers alter Weggenosse, der Bühnenbildner Hans Schavernoch, ließ dazu immerhin optisch sehr virtuos immer neue Film-Kulissen des schönen operettenseligen Scheins im Stil der 50er Jahre aufblenden. Mal Südsee-Palmen-Paradies, mal Pariser Pracht-Avenuen mit Eiffelturm, mal ein Luxus-Schwimmbad oder eine Nobel-Toilette.

Flott wechselnde Räume also, in denen das leichtsinnige Lehársche „Witwen“-Völkchen - mit der schönen reichen Hanna Glawari und dem smarten Grafen Danilo an der Spitze sowie dem kessen Chor der Pariser Lebewelt ­ unentwegt turnte, tanzte und sich an die Wäsche ging. Kupfer konnte es sich eben auch nicht verkneifen, alles, was sich im Operetten-Wirrwarr der Gefühle an Spannung erst sukzessive entfalten soll, sogleich hektisch, handgreiflich und überdeutlich auszureizen. Und ein Militärjeep, der mit den Protagonisten an Bord über die Bühne kurvt, macht per se auch noch keine lustige „Witwe“.

Musikalisch brachte die 39-jährige amerikanische Dirigentin Karen Kamensek, als Stellvertreterin von Generalmusikdirektorin Simone Young frisch im Amt, am Pult der Philharmoniker das Süffige wie das Attacken-Scharfe der Lehárschen Partitur gekonnt heraus. Ihre Tempo- Vorgaben waren sicher, auch geschmeidig. Der in Lehárs Orchestersatz verschwenderisch eingebaute instrumentale Klangzauber hätte freilich noch verführerischer aufscheinen können.

Als draufgängerisches Liebespaar Hanna und Danilo machten die finnische Sopranistin Camilla Nylund und der Österreicher Nikolaus Schukoff vorzügliche Figur. Beide haben ja bereits als Siegmund und Sieglinde in Berlin Furore gemacht und fesselten ebenso durch vitale, unangestrengte Ausdruckskraft wie durch ihre glänzend kontrollierte Stimmkultur. Nylund schien allerdings an diesem Abend nicht in stimmstärkster Form, wurde aber zuweilen auch vom Orchester übertönt. In drastisch zupackendem Einsatz: der famose Hamburger Staatsopernchor, der wie die Sänger gefeiert wurde.

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