Beifall für Volker Löschs Polit-„Hamlet“

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Deutsche Presse-Agentur

„Es ist etwas faul im Staate Dänemark“ - Als der berühmte Satz nach einer halben Stunde „Hamlet“ im Stuttgarter Staatstheater fällt, ist den Zuschauern bereits klar, dass sehr vieles tatsächlich sehr faul sein muss.

Atemlos beziehen die Schauspieler während der ersten 30 Minuten Stellung zu überhöhten Managergehältern, elektronischem Reisepass und der Affäre um den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger (CDU). Weiten Teilen des Publikums gefiel die politische Generalabrechnung in der Shakespeare-Inszenierung: Mit lauten „Bravo“-Rufen und minutenlangem Applaus feierten die Zuschauer das Bühnenstück von „Skandalregisseur“ Volker Lösch. Einzelne laute „Buh“-Rufe waren allerdings auch zu hören.

Vielleicht kam den Kritikern die Inszenierung zu überladen vor, denn nach dem berühmten Zitat ging es politisch weiter: der „Patriot- Act“ zu den US-Kontrollrechten, die Rentenansprüche von Ex-EnBW- Manager Utz Claassen und der „brutalstmögliche Aufklärer“, Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) - sie alle bekamen, wiederum teils unter Szenenapplaus einzelner Zuschauer, ihr Fett weg. Der verzweifelte Versuch Hamlets, den Mörder seines Vaters zu finden und sich als letzter Aufrechter einen Platz in einer korrupten Welt zu suchen, trat da teilweise in den Hintergrund.

Das kann allerdings nicht dem drahtigen Till Wonka zugeschrieben werden, dessen mal resigniert am Rande stehender, aber viel häufiger wie ein Getriebener rennender und springender Titelheld einen starken Eindruck hinterließ. Er wurde am Ende besonders lautstark gefeiert. Und auch die Idee des korrupten Jeder-mit-Jedem-Staates findet ihre gelungene Entsprechung in den Nacktkostümen mit aufgenähten Geschlechtsteilen von Cary Gayler. Sie gestaltete auch die sehr reduzierte Bühne mit schwarzen Wänden und einer knöchelhohen Schicht Erde. Wie die Schauspieler sich durch diese Erde quälen und immer wieder festzustecken scheinen, wie sie sich gegenseitig mit Schlamm bewerfen oder beschmieren und immer wieder aneinander herumfummeln: es unterstreicht das Urteil über eine durch und durch korrupte Gesellschaft, ein Urteil, das Lösch zusammen mit seiner Dramaturgin Beate Seidel auch für die heutige Welt fällt.

Beim Publikum schien das alles angesichts des Schlussapplauses bestens anzukommen. Dennoch: So recht entzündet hat sich der aufrührerische Funke der Inszenierung bei der Premiere nicht - zugeschlagene Türen von vorzeitig den Saal verlassenden Zuschauern, wie noch bei Löschs „Dogville“ im Jahr 2005, waren nicht zu hören. Und auch ein Aufruhr wie nach Löschs jüngster Inszenierung, „Marat/Sade“ in Hamburg, wird wohl ausbleiben. Dort hatten einige der reichsten Hansestädter per einstweiliger Verfügung versucht, die Nennung ihres Namens im Laufe des Stückes untersagen zu lassen.

Vielleicht waren dem Stuttgarter Publikum die öffentlichen Anklagen von Managern und Politikern angesichts der aktuellen Kapitalismuskrise einfach ein wenig zu naheliegend. Unbeantwortet bleibt damit also eine Frage, die auch Hamlet nach rund zwei Dritteln des Stücks stellt: „Wie macht man das, einen Skandal?“

www.staatstheater.stuttgart.de

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