Beifall für Maren Ades „Alle Anderen“ in Berlin

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Deutsche Presse-Agentur

Halbzeit bei der 59. Berlinale und erst wenige Bären-Kandidaten in Sicht. Dafür hat am Montag auch der zweite deutsche Wettbewerbsbeitrag das Publikum der Internationalen Filmfestspiele Berlin überzeugt.

Maren Ade schickte mit „Alle Anderen“ ein sensibles, berührendes Beziehungsdrama ins Rennen um den Goldenen Bären. Der Film über ein ungleiches Paar wurde von den Zuschauern in einer ersten Pressevorstellung mit Applaus aufgenommen. „Alle Anderen“ wird zwar nicht wie Hans-Christian Schmids Politthriller „Sturm“ als Kandidat für den Hauptpreis gehandelt - aber eine geschickte Regie und hervorragende Schauspieler machen aus dem Liebesfilm ein schmerzvoll einprägsames Werk.

Birgit Minichmayr und Lars Eidinger spielen in „Alle Anderen“ ein Liebespaar Anfang 30. Im gemeinsamen Sardinien-Urlaub sind sie plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen: Der voller Selbstzweifel steckende, idealistische Architekt Chris und seine selbstbewusste, unternehmungslustige Freundin Gitti. Auf der Insel treffen sie zufällig einen alten Studienfreund von Chris sowie dessen Frau.

In der Begegnung mit diesem erfolgreichen, scheinbar im klassischen Rollenmodell lebenden Paar spiegeln sich die Hoffnungen und geheimen Sehnsüchte von Chris und Gitti - es kommt zum emotionalen Eklat. Chris will plötzlich den Ton in der Beziehung angeben, Gitti passt sich seinen Wünschen an und verleugnet sich dabei selbst. Beide wollen anders als „Alle Anderen“ sein, ein bisschen aber eben auch „wie alle Anderen“. Gitti sagt, dass sie Chris nicht mehr liebt. Doch das Ende ist offen.

„Ich wollte keinen Film über eine Trennung machen, sondern über eine Krise“, sagte Ade. „Beide spüren am Ende ihre eigene Falschheit.“ Die Urlaubssituation habe sie bewusst gewählt. „In der Abgeschiedenheit kann man besser vom Innenleben des Paares erzählen.“ Vor allem Minichmayr spielt unglaublich natürlich und realitätsnah. Ihre Gefühle kann der Zuschauer in jedem Zucken des Mundwinkels, in jedem Heben der Augenbraue spüren und aus den verschiedenen Tonlagen ihrer Sprechweise heraushören.

„Alle Anderen“ ist Ades zweiter Spielfilm. In ihrem hochgelobten Debüt „Der Wald vor lauter Bäumen“ erzählte sie ebenso bedrückend wie komisch von den Ängsten und Sorgen einer jungen Lehrerin. Minichmayr und Eidinger sind beide am Theater ebenso zu Hause wie beim Film. Die Österreicherin Minichmayr spielt unter anderem am Wiener Burgtheater. Sie ist für ihre starken Frauenrollen bekannt, in denen immer eine trotzige Selbstreflexion aufschimmert. Im Berlinale-Panorama ist sie an der Seite von Josef Hader und Josef Bierbichler auch noch in dem Krimi „Der Knochenmann“ nach dem Roman von Wolf Haas zu sehen.

Eidinger ist seit zehn Jahren Ensemblemitglied der Berliner Schaubühne und ist dort in Thomas Ostermeiers Inszenierungen „Hedda Gabler“ und „Hamlet“ zu sehen. Regisseurin Ade hat drei Jahre am Drehbuch für „Alle Anderen“ gearbeitet und ihren Film auch selbst produziert. Er startet am 18. Juni in den Kinos.

Auf der 59. Berlinale sind deutsche Filmemacher sowie deutsche Koproduktionen so stark vertreten wie nie zuvor. Nach der glanzvollen Premiere von Florian Gallenbergers „John Rabe“ mit Ulrich Tukur sollte am Montagabend die mit Spannung erwartete Fontane-Verfilmung „Effi Briest“ von Hermine Huntgeburth uraufgeführt werden. Berlinale-Gewinnerin Julia Jentsch („Sophie Scholl - Die letzten Tage“) spielt die Titelrolle.

Ein möglicher Bären-Anwärter ist die vor allem von der internationalen Kritik gelobte, iranische Sozialstudie „Über Elly“ von Asghar Farhadi. Francois Ozons Engelsfilm „Ricky“ fand dagegen ebenso wenig Beifall wie Bertrand Taverniers Südstaaten-Krimi „In The Electric Mist“ mit Tommy Lee Jones oder Lukas Moodyssons kitschiges Gesellschaftspanorama „Mammoth“ mit Gael Garcia Bernal. Am Montag stand noch „The Messenger“ (Regie: Oren Moverman) auf dem Programm. Hollywoodstar Woody Harrelson spielt darin einen Irak-Heimkehrer, der als Armee-Bote den Familien gefallener Soldaten die Todesnachricht überbringt. Im Bären-Rennen sind 18 Filme aus aller Welt. Am Samstag werden die Gewinner bekanntgegeben. Am Sonntag geht die Berlinale mit einem Publikumstag zu Ende.

www.berlinale.de

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