Barenboims Neujahrskonzert auf CD und DVD

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Deutsche Presse-Agentur

Daniel Barenboim ist ein Vielflieger: In den vergangenen vier Wochen stand er für „Tristan und Isolde“ im Orchestergraben der New Yorker „Met“, spielte Soloabende am Klavier in Boston und Philadelphia und ging auf Tournee mit seinem West- Eastern Divan Orchestra.

Und dazwischen gab er das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker. Mit seinem Debüt auf dieser Traditionsgala drängte Barenboim für einige Stunden Finanzkrise und Nahost-Konflikt in den Hintergrund - zwischen Walzer, Polka und Galopp mischten sich ernste Töne und die Sehnsucht nach einer besseren Welt, wie auf der CD und der DVD des Konzerts (beide Decca) jetzt zu hören ist.

Zwar zählt Barenboim zu den Lieblingsdirigenten der „Wiener“ - doch in die Riege der Neujahrs-Kapellmeister war er noch nicht aufgenommen worden. Dabei sieht sich der 66-Jährige mit seiner Biografie für die Multikulti-Musik aus k.u.k.-Zeiten geradezu prädestiniert. „Ein Jude, der in Argentinien und Israel aufgewachsen ist, Tango spielt und Italienisch spricht - was wollen Sie mehr für einen Walzer“, sagte er im Scherz der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Eine „sanfte Revolution“ habe Barenboim auf dem Neujahrskonzert inszeniert, schrieben danach die Wiener Blätter. Tatsächlich verzichtet der argentinisch-israelische Dirigent auf musikalisches Korkenknallen zum neuen Jahr. Der Maestro ist streng bei der Sache, lässt das Orchester nicht allzu sehr an die lange Leine.

Zwar könnten die Philharmoniker das Neujahrskonzert womöglich auch ohne Dirigenten spielen. Doch der Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper zeigt den Wienern, wie er die Ausdrucks-Klaviatur beherrscht. Ob bei der Ouvertüre zur „Nacht in Venedig“, dem „Märchen aus dem Orient“, den „Rosen aus dem Süden“ und dem „Schatz-Walzer“ - Genauigkeit und Ausdruckswille stehen im Vordergrund - ohne Zack- Zack, denn Barenboim mag keine Märsche. Die „schöne blaue Donau“ klingt eher urgründig-dunkelblau und beim unvermeidlichen „Radetzkymarsch“ schließt der Maestro die klatschenden Zuhörer in seine weiten Dirigentenarme.

Barenboim, der sich mit seinen Forderungen nach Frieden im Nahost immer wieder zwischen alle Stühle setzt, verzichtete auch im Musikvereinssaal nicht auf eine eigene Botschaft: „Ich hoffe, dass 2009 der Welt Frieden und dem Nahen Osten menschliche Gerechtigkeit bringt“ variierte er den traditionellen Neujahrswunsch.

Für etwas Unmut bei den Konzertveteranen hatte zunächst die Musikauswahl gesorgt. Denn erstmals wurde ein Werk von Joseph Haydn in das Programm aufgenommen, eine Hommage an den Komponisten zu seinem 200. Todesjahr. Mit dem letzten Satz der „Abschiedssinfonie“ Nr. 45 verabschiedete sich das Orchester traditionellerweise leibhaftig selber vom Podium: ein Musiker nach dem anderen räumt die Bühne, bis am Ende der Dirigent mit einem Streicher übrig bleibt. Doch dem letzten Musiker gab Barenboim auch noch gerne den Takt an - und streichelte ihm am Ende den Kopf.

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