Barbettas „Nachtleuchten“ sprüht Funken

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Maria Cecilia Barbetta
Die Autorin Maria Cecilia Barbetta. (Foto: Arne Dedert / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Sandra Trauner

„Dieser Roman sprüht vor Ideen, er ist ein Vulkan voller verschachtelter Sätze, die uns atemlos Seite um Seite umblättern lassen“, schreibt die Jury für den Deutschen Buchpreis über „Nachtleuchten“ von Maria Cecilia Barbetta.

„Nachtleuchten“ ist - zehn Jahre nach ihrem Debütroman „Änderungsschneiderei Los Milagros“ - Barbettas zweiter Roman. Schauplatz ist ein Vorort von Buenos Aires namens Ballester; der Ort, in dem die 1972 geborene Autorin aufwuchs, bevor sie 1996 nach Berlin kam und blieb. Das Buch spielt Mitte der 1970er Jahre: Präsident Juan Perón kehrt aus dem Exil zurück und stirbt kurz darauf, die Militärdiktatur droht am Horizont, das Land ist im Umbruch.

Gut 500 Seiten ist das Werk dick, aber so vollgestopft, dass es sich anfühlt, als wäre es noch dicker. Das Buch platzt quasi aus allen Nähten.

Da ist die Klosterschule mit verschämten Schülerinnen, verknöcherten Nonnen und einer revolutionären Schwester auf einem Motorroller. Da ist die Werkstatt nebst Nachbarschaft, die beim Autoschrauben, Kleiderreinigen, Haareschneiden und Gebäckverkaufen die politsche Lage diskutiert. Da ist der Kinder-Detektivclub, der sich auf die Ereignisse seinen ganz eigenen Reim macht und dabei Spiritualität und Spiritismus, Kommunion und Kommunismus herrlich verquirlt.

Politisch wird die Lage immer finsterer, aber die sprichwörtlichen Leute auf der Straße, denen Barbetta eine Stimme verleiht, glauben an eine bessere Zukunft - und begegnen der Gegenwart wahlweise mit Humor, Sendungsbewusstsein, Weltflucht oder Bauernschläue.

Leitfigur durch den Personen-Dschungel ist die halbwüchsige Teresa, die zwecks Erleuchtung eine phosphoreszierende Plastik-Madonna von Haus zu Haus schleppt. Rund ein Dutzend weitere Hauptfiguren gilt es durch drei Kapitel zu verfolgen. Dazu kommen unzählige Nebenrollen, die auftauchen und verschwinden: eine überspannte Gesellschaftsdame, eine verlassene Geliebte, eine esoterische Katzenliebhaberin, zwei intrigante Polizisten, ein schwuler Frisör und Dutzende mehr.

Es ist ein ständiges Anfangen und Aufbrechen in diesem Buch. Der Leser weiß nie, welche Stränge fortgeführt werden und welche versanden. Mal blickt er durch ein Teleskop, mal durch ein Mikroskop. Er kann sich nicht auf einen Stil und Ton einstellen. Oft herrscht ein ironischer Grundton, dann wieder nüchterner Bericht. Mal sind die Sätze eine halbe Seite lang, dann äußerst knapp. Und immer wieder zwischendurch formale, sprachliche, grafische Experimente.

Es wirkt, als hätte die Autorin einen Baukasten geschenkt bekommen und müsste vor lauter Begeisterung alles ausprobieren. Das Sprunghafte macht die Lektüre mühsam - langweilig ist sie aber nicht. Die Figuren sind originell, ihre Geschichten spannend, das Panorama interessant, der Roman streckenweise beeindruckend konstruiert. Und er zeigt, wie Zukunftsangst und Aberglaube, Sozialneid und Repression Menschen korrumpieren, die eigentlich nur ein gutes Leben wollen. Dass die Buchpreis-Jury „Nachtleuchten“ mit einem Vulkan vergleicht, passt sehr gut. Das Buch sprüht wie eine Wunderkerze. Ob der Funke überspringt, muss jeder Leser für sich selbst entscheiden.

- María Cecilia Barbetta: Nachtleuchten. S. Fischer, 528 Seiten, 24,00 Euro, ISBN: 978-3-10-397289-4.

Verlagsinfos

Shortlist für den Deutschen Buchpreis

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