Barbaren sind immer die anderen: „Gott der Barbaren“

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Stephan Thome
Der Autor Stephan Thome. (Foto: Stephan Thome / DPA)
Deutsche Presse-Agentur
Franziska Höhnl

Religiöse Fanatiker überziehen das Land mit Angst und Schrecken. Sie wollen mit der Kultur brechen, die alte Ordnung stürzen und einen Gottesstaat errichten. Daraus wird ein Bürgerkrieg, in dem 30 Millionen Menschen umkommen.

Die Aufständischen sind christliche Fanatiker im China des 19. Jahrhunderts - und die Taiping genannte Rebellion, von der Stephan Thomes neuer Roman „Gott der Barbaren“ erzählt, hat es wirklich gegeben. Der 46-Jährige schaffte es mit seinem 700-seitigen geschichtsgetränkten Abenteuerroman nach „Grenzgang“ und „Fliehkräfte“ zum dritten Mal auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises.

Er sei 2012 durch ein Buch auf diesen Stoff gestoßen und sofort fasziniert gewesen, erzählte Thome dem Sender HR2. Der gebürtige Hesse kam als 23-Jähriger mit einem Stipendium für ein Philosophie-Studium nach China und lebt seit 13 Jahren in der taiwanesischen Hauptstadt Taipeh. Die Geschichte des Aufstands weise Parallelen auf zum sogenannten Islamischen Staat, bei dem islamistische Fanatiker mordend und plündernd durchs Land zögen, um einen Gottesstaat zu errichten, sagt Thome dem Sender Deutsche Welle. Gleichzeitig sei der blutige Aufstand in China hierzulande unbekannt.

Sein Roman kalkuliert diesen Umstand ein, führt langsam hinein in die turbulenten und gewalttätigen Tage im China um die 1860er Jahre. Denn nicht nur die Rebellen, von den Chinesen verächtlich „die Langhaarigen“ genannt, fordern die Mächtigen in Peking heraus. Auch eine von den Briten angeführte internationale Delegation schippert über die Flüsse des riesigen Reiches, um es für den Welthandel zu öffnen - und sich weitere Absatzmärkte für den lukrativen Opiumhandel zu sichern.

Der Leser folgt den Geschehnissen aus verschiedenen Perspektiven: Der junge Philipp Johann Neukamp, vom Scheitern der deutschen Revolution 1848 enttäuscht, versucht eher schlecht als recht sein Glück als christlicher Missionar und gerät mitten zwischen die Fronten. Der Sondergesandte der britischen Krone, Lord Elgin, versucht als Diplomat zu den alten Machthabern durchzudringen - und nebenbei die Chinesen und ihre Kultur zu verstehen. Und der chinesische Gelehrte und Feldherr Zeng Guofan versucht mit einer eigenen Armee im Auftrag des Kaisers die Aufständischen niederzuschlagen und dabei zu ergründen, was die Fremden aus dem Westen wirklich antreibt.

So verwebt Thome gekonnt den Kampf um Macht mit dem Ringen der Kulturen. Barbaren - das sind die Chinesen, sagen die Briten. Barbaren - das sind die Briten, sagen die Chinesen. Und was ist mit den Langhaarigen, den Aufständischen? Die huldigen dem „Gott der Barbaren“, dem christlichen Gott. Es waren die Missionare um Neukamp, die dem Taiping-Anführer Hong Xiuquan die Bibel nahebrachten. Die westlichen Delegationen, die sich ebenfalls blutig ihre Handelsrechte sichern wollen, sind also auf ihrer Seite. Oder nicht?

Genau um dieses Spannungsfeld kreist Thomes Roman. Es geht um ein ständiges Missverstehen, die Überhöhung der eigenen Tradition und Herkunft wie auch das beständige Stochern im Nebel. Der Autor blättert auf, wie sehr alle Seiten pokern, hoffend, dem Gegner den entscheidenden Schritt vorauszusein. Dabei verschwimmt in diesem Mehr-Fronten-Ensemble schnell, wer eigentlich gegen wen kämpft.

Damit bringt Thome dem Leser nicht nur kurzweilig die Geschichte des Taiping-Aufstands nahe, sondern erzählt mit seinen vielschichtigen Hauptfiguren eine Geschichte über die Niederlage im Sieg, das Ringen um Verständigung und die Unaufhaltsamkeit des Fortschritts. Oder wie es der Feldherr Zeng Guofan im Roman ausdrückt: „Jetzt zog im Westen eine neue Zeit herauf. Der Unterschied zwischen ihnen und uns, dachte er, mochte einmal bestanden haben, aber bald würde es nur noch zwei Arten von Barbaren geben: jene von hinter dem Ozean und jene, die sich irrtümlich für Chinesen hielten.“

- Stephan Thome „Gott der Barbaren“, erschienen im August 2018 beim Suhrkamp Verlag, 719 Seiten, 25 Euro, ISBN: 978-3-518-42825-2.

Verlagsinformationen zum Buch

Stephan Thome im Gespräch mit HR2

Porträt der Deutschen Welle über Stephan Thome in Taipeh

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