Bangen um „Bernd das Brot“

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Deutsche Presse-Agentur

Der Tatort ist markiert: Vier rot-weiße Hütchen sichern die Schrauben, die bis vor kurzem die Ki.Ka-Kultfigur „Bernd das Brot“ am Boden neben dem Erfurter Rathaus hielten.

„Wir vermissen ihn schon, er gehört einfach hierher“, sagt Carmen Gelhard. Die 58 Jahre alte Verkäuferin im Handtaschenladen gegenüber ist sichtbar erregt. „Die Entführung berührt mich“, sagt auch Katrin Zeumer von der Bäckerei nebenan. Das menschengroße, griesgrämig blickende Kastenbrot war in der Nacht zum Mittwoch abmontiert worden. Zur Tat bekannten sich Sympathisanten von Erfurter Hausbesetzern, die sich seit Monaten gegen eine angedrohte Räumung zur Wehr setzen. Eine Internetbotschaft zeigt, wie sich „Bernd das Brot“ mit den Besetzern solidarisiert.

Die Polizei tappt bei ihrer Suche nach der beliebten, zwei Meter hohen Figur noch im Dunkeln. Die Spurensicherung gestaltet sich an dem zentralen Platz schwierig, sagt Sprecher Manfred Etzel. „Wir hoffen auf Hinweise der Bevölkerung. Eine 125 Kilogramm schwere Figur kann man ja nicht einfach unter den Arm klemmen.“ Die Chance, dass Bernd wieder „von alleine“ auftaucht, ist nach Einschätzung von Kriminalisten relativ groß. Das zeigten vergleichbare Fälle mit der Meerjungfrau in Kopenhagen und dem Manneken Pis in Brüssel.

Auf die Rückkehr hofft auch Stadtsprecherin Inga Hettstedt, die Anzeige gegen Unbekannt gestellt hat. „Wir wollen ihn gern unbeschädigt zurückhaben.“ Seit seiner Aufstellung im Juli 2007 sei das Kastenbrot zu einer Attraktion geworden. Vor allem Kinder lassen sich immer wieder mit der Figur fotografieren. „Ich ärgere mich, dass ich kein Bild mit ihm habe“, erzählt Sylvia Schneider von der Touristinformation. Jetzt muss sie warten, bis er wieder zurückkommt - gemeinsam mit vielen Kunden, die zurzeit verstärkt nach Andenken an „Bernd das Brot“ fragen.

Mit dieser Resonanz hatte vor einem Jahr noch keiner gerechnet. Als „Bernd“ und in seiner Folge weitere Figuren aus dem Kinderprogramm in der Thüringer Landeshauptstadt aufgestellt wurden, fand dies nicht nur Freunde. Der Widerstand gegen die „Infantilisierung“ wurde sogar handgreiflich. Bernd wurde beschmiert, „kurz nachdem der Sandmann geschändet worden war und dabei eine Hand verlor“, berichtet Polizeisprecher Etzel. Maus und Elefant blieben bislang unbehelligt.

Die Truppe im besetzten Haus gibt sich unterdessen unschuldig und freut sich über die gestiegene Aufmerksamkeit. „Bernd das Brot hat uns sicher geholfen, unser Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen“, sagt Jens, der für die Gruppe spricht. Vom Aufenthaltsort des Kunststoff-Brotes will er nichts wissen. „Wir hoffen, dass es ihm gut geht.“ Zu einem Appell an die Entführer, das Brot wieder freizulassen, will er sich allerdings nicht hinreißen lassen.

Das tun dafür andere. Bernd-Erfinder Thomas Krappweis äußerte sich in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ „bestürzt und erschüttert“ und appellierte an die Entführer: „Lasst Bernd frei.“ Das notorisch schlecht gelaunte Kastenbrot sei sicherlich nicht amüsiert und wolle „einfach nur nach Hause“. Bernd mache mit den Entführern keine gemeinsame Sache, auch wenn mit den aktuellen Umständen seine Publicity steige. „Bernd findet Entführungen "Mist", besonders seine eigene“, ist auch der Programmgeschäftsführer des Kinderkanals Ki.Ka von ARD und ZDF, Steffen Kottkamp, überzeugt.

Wie es Bernd jetzt geht, lässt sich nur mutmaßen. Die Rolle, auf dem Marktplatz von allen angestarrt und fotografiert zu werden, entsprach bestimmt nicht seinem Gemütszustand. Die Einsamkeit einer Entführung kommt dem sicherlich näher. Aber als Fernsehstar muss er wieder zurück zu seinem Publikum, fordern die Fans. „Ich starre jetzt beim Rauchen immer automatisch auf die leere Stelle“, sagt Handtaschenverkäuferin Carmen Gelhard. Ein Blick, der dem fatalistischen Bernd sicher gefallen würde. Denn am liebsten schaut das Brot in seiner Wohnung einfach mal nur die kahle Tapete an.

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