Arzt und Patient reden oft aneinander vorbei - mit gefährlichen Folgen

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Dem Patienten verständlich machen, was er hat und was dagegen zu tun ist: Auf beiden Seiten gibt es Fehler, wenn es um eine klar
Dem Patienten verständlich machen, was er hat und was dagegen zu tun ist: Auf beiden Seiten gibt es Fehler, wenn es um eine klare Kommunikation im Sprechzimmer geht. (Foto: imago)
Hajo Zenker

Jeder zweite Deutsche hat einer neuen Studie zufolge Schwierigkeiten, für die eigene Gesundheit notwendige Informationen zu finden, zu bewerten und zu nutzen. Die Ärzte wiederum gehen sehr häufig davon aus, dass ihre Patienten medizinische Fachbegriffe problemlos verstehen, wie eine Erhebung des Münchner Klinikums Bogenhausen zeigt. Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass das gefährliche Folgen haben kann.

„Leiden Sie unter Angina Pectoris?“ Der Patient nickt mit dem Kopf, der Arzt ordnet ein EKG an. Allerdings: Der Patient meinte seine Mandelentzündung, die landläufig gern als Angina bezeichnet wird. Und nicht anfallartige Schmerzen in der Brust, die auf schwere Durchblutungsstörungen im Herzmuskel schließen lassen. Nach Angina Pectoris und 42 anderen häufig verwendeten medizinischen Fachbegriffen haben Mediziner des Münchener Klinikums Bogenhausen knapp 200 Patienten gefragt. Wobei im Fall Angina Pectoris ein Drittel gar keine Vorstellung davon hatte, was gemeint sein könnte. Ein weiteres Drittel glaubte zwar zu wissen, worum es geht, lag dann aber inhaltlich daneben. Jeder Dritte wusste tatsächlich Bescheid.

Ärzte sollten daher durch aktives Nachfragen das Verständnis beim Patienten sicherstellen. Studienleiter Felix Gundling

Aber längst nicht nur an lateinischen Fachbegriffen scheiterten die Befragten. Auch unter Darmspiegelung oder Sodbrennen konnten sich längst nicht alle etwas vorstellen. Mediziner und Patienten verstehen sich also häufig nicht. Das kann gefährlich werden. Die Ärzte schätzten die Kenntnisse ihrer Patienten häufig besser ein als sie seien, so Studienleiter Felix Gundling. Ein vermeintlich hoher Bekanntheitsgrad bestimmter Fachbegriffe könne Ärzte dazu verleiten, das Verständnis stillschweigend vorauszusetzen. „Ärzte sollten daher durch aktives Nachfragen das Verständnis beim Patienten sicherstellen.“

Aneinander vorbeireden kann nämlich nicht nur zu falschen Diagnosen und damit zu falschen Behandlungen oder schlicht unnötigen Maßnahmen führen. Schlecht informierte Patienten halten sich häufig nicht an eine richtige Behandlung. Eine Auswertung von mehr als 100 Studien ergab, dass sich Patienten mehr als doppelt so häufig an den Rat des Arztes halten, wenn dieser die Therapie und deren Ziele verständlich kommuniziert. Professor Annegret Hannawa von der Uni Lugano (Schweiz), die zur Gesundheits-Kommunikation forscht, hat nach Auswertung von Studien aus aller Welt errechnet, dass ein Patient alle zwei bis sechs Sekunden aufgrund unsicherer Kommunikation vermeidbaren Schaden erfährt.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung beteuert, dass man das sehr wohl im Blick habe. Die Arzt-Patienten-Kommunikation sei ein wichtiges Thema in den Qualitätszirkeln. Rund 60 000 ambulant tätige Ärzte und Psychotherapeuten nutzen diese Zirkel jedes Jahr, um sich im Austausch mit Kollegen fortzubilden und die beruflichen Kompetenzen weiterzuentwickeln. Dabei gehe es auch um Kommunikationsmethoden und –techniken.

Ehrenamtliche Netz-Übersetzer

Die Arzt-Patient-Kommunikation zu verbessern, hat sich auch die gemeinnützige Dresdner Firma „Was hab’ ich?“ auf die Fahnen geschrieben. Dabei verfolgt sie zweierlei Ansätze. Ehrenamtlich übersetzen Medizinstudenten Arztbriefe und Befunde, die man über das Internetportal (zur Webseite) hochladen kann, in eine für Patienten verständliche Sprache.

Und das kostenlos. Mehr als 39 000 Befunde wurden seit 2011 übersetzt. Gleichzeitig werden diese künftigen Ärzte darin geschult, wie man mit Patienten reden sollte. „Und das werden sie hoffentlich ihr ganzes Berufsleben lang beherzigen“, sagt Pressesprecherin Beatrice Brülke. Der Ansturm der Patienten auf die Seite ist jedenfalls groß – zu groß. Wer das Angebot nutzen will, kommt erst einmal auf eine Warteliste. Kein Wunder: Der Aufwand pro Text beträgt fünf Stunden. Deshalb arbeitet die Firma an einer Automatisierung. Die vom Krankenhaus gesammelten Erkenntnisse über den Gesundheitszustand, die angewandten Therapien, die nötigen Medikamente sollen per Software zu einem absolut flüssigen, verständlichen Text werden. Der Test startet in wenigen Tagen im Dresdner Herzzentrum. Die Hoffnung ist, sagt Brülke, dass das später einmal „in jeder Klinik, in jeder Praxis funktioniert“.

Denn man wolle Patienten alle Informationen an die Hand geben, die sie brauchen, um bewusste Entscheidungen zu treffen, sich an die Therapie zu halten und um gesundheitsbewusster zu leben.

Bisher hält sich das Wissen vieler Deutschen in Grenzen. Gut die Hälfte der Bevölkerung kann einer Studie zufolge Gesundheitsinformationen nicht wirklich finden, verstehen, bewerten oder umsetzen. Ein Gesundheitsportal im Netz soll Abhilfe schaffen. Es soll zum zentralen deutschen Internetangebot für Informationen rund um Fragen zur Gesundheit werden – und damit „Dr. Google“ Konkurrenz machen. Über die US-Suchmaschine starten bisher 80 Prozent der Ratsuchenden ihre Recherche. Das Angebot soll „vertrauenswürdige, wissenschaftlich belegte und unabhängige Gesundheitsinformationen zusammenführen“ – und das auf möglichst verständliche Weise, so der Auftrag des Bundes.

Leider nur ist das vom Kölner Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen im vergangenen Herbst vorgelegte Konzept im Bundesgesundheitsministerium offenbar auf wenig Gegenliebe gestoßen. Viel zu erfahren ist darüber nicht. Das Konzept und der zeitliche Fahrplan würden aktuell im Ministerium abgestimmt, heißt es lediglich aus der Pressestelle.

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