Andrea Maria Schenkels düsterer Thriller „Bunker“

Lesedauer: 5 Min
Deutsche Presse-Agentur

Eine junge Frau, die bei einer Autovermietung arbeitet, wird von einem vermeintlichen Einbrecher kurz vor Geschäftsschluss überwältigt, als Geisel genommen und in eine verfallende Mühle mitten im Wald verschleppt.

Die Frau steht unter Schock, aber auch der Entführer reagiert zunehmend verunsichert und panisch. Erzählt wird diese alptraumartige Geschichte in einem steten Wechsel der Perspektiven von Täter und Opfer, deren Rollen sich aber schon sehr bald nicht mehr glasklar trennen lassen. Der Leser jedenfalls wird von der ersten Seite an zum Detektiv, der sich in den verschlungenen Gängen dieses gnadenlosen Thrillers orientieren muss.

Nach ihren Bestsellern „Tannöd“ (2006) und „Kalteis“ (2007), die beide von authentischen historischen Kriminalfällen inspiriert waren, legt die 1962 in der Nähe von Regensburg geborene Andrea Maria Schenkel nun mit „Bunker“ einen Roman vor, der ganz der Fantasie der Autorin entsprungen ist. Aber dennoch bleibt sich Schenkel auch mit diesem Thriller, der wieder einen unheimlichen Sog entwickelt, treu: erneut entwirft sie ein Kaleidoskop divergenter Perspektiven, das sich nie zum einheitlichen, widerspruchslosen Bild fügt, sondern immer wieder für Irritationen sorgt.

Wie spüren sehr bald, dass mit der gefangenen Protagonistin Monika etwas nicht stimmt. In Fieberträumen kehrt die sehr resolute, aggressive Frau immer wieder in ihre Kindheit zurück, fast unmerklich verschieben sich die Zeitebenen, und wir lernen in Umrissen Szenen einer höchst traumatischen Herkunft kennen, in der ein jüngerer Bruder eine zentrale Rolle spielt. Monika hat viel verdrängt, aber in der Waldhütte kommen die Dämonen der Vergangenheit wieder ans Tageslicht.

Vielleicht steckt diese Frau ja schon viel länger in einem Gefängnis, gefesselt von ihren eigenen Traumata. Ihr Arbeitsplatz wird so beschrieben: „ein Betonbau mit großen Fenstern ohne sichtbaren Rahmen, eingelassen in Betonplatten mit dunklen Fugen“, nicht einsehbar von draußen. Dies ist eine trostlose, hermetische Welt ohne Hoffnung, und selbst die Kindheit ist nicht das verlorene Paradies, sondern nur der Ausgangspunkt für all die Schrecken der Gegenwart.

Und so wird der männliche Protagonist seinem Opfer immer ähnlicher. Kein blutrünstiger Psychopath, wie man anfangs mutmaßt, sondern ein Gefühlskrüppel, der schrecklich unter seinem brutalen Vater gelitten hat.

Die Erzählerin kriecht bisweilen buchstäblich in ihre Figuren hinein, erkundet und seziert verwüstete Seelenlandschaften mit der Genauigkeit einer Insektenforscherin. Kontrastiert wird diese extrem subjektive Innenschau mit der klinisch genauen, ganz nüchternen Beschreibung einer Bauch-OP, wobei der Leser rätseln darf, wer denn da unters Messer musste. Diese Einschübe sind wie ein Anker, der dieses Psychoduell an die Realität anbindet.

Am Ende verausgabt sich der kompakte Roman in eher unglaubwürdigen Wendungen, so als hätte die Autorin den Ausgeburten ihrer eigenen Fantasie nicht ganz über den Weg getraut. Dabei ist „Bunker“ als konzise Beschreibung eines psychischen Zustands viel spannender als jede konventionelle Krimihandlung.

Andrea Maria Schenkel

Bunker

Edition Nautilus Hamburg

128 S., Euro 12,90

ISBN 978-3-89401-549-7

Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen