Analyse: Telekom-Branche kämpft mit Umsatzschwund

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Deutsche Presse-Agentur

Krise, welche Krise? Bislang scheinen die Unternehmen der Telekommunikationsbranche die Wirtschaftskrise noch ohne größere Blessuren zu durchschreiten.

Die Chefs der großen Telekom-Konzerne geben sich wenigstens vorsichtig zuversichtlich: Telefoniert werde immer, gerade in Krisenzeiten. Doch die Branche hat ganz eigene Probleme. Experten rechnen zumindest für den deutschen Markt in den kommenden Jahren mit sinkenden Umsätzen sowohl im Festnetz als auch im Mobilfunk.

Der harte Preiswettbewerb macht den Anbietern zu schaffen. So begrenzen immer neue Flatrate-Angebote das Umsatzwachstum und erhöhen den Druck auf die Margen, gleichzeitig sind hohe Investitionen in neue Netztechnologien notwendig. Die Unternehmen sind gezwungen, sich nach anderen Einnahmequellen umzusehen, und müssen gleichzeitig ihre Kosten in den Griff bekommen. Für die gesamte Telefonbranche rechnet das Beratungsunternehmen Booz & Company bis 2012 mit einem jährlichen Umsatzrückgang in Deutschland von 1,1 Prozent.

Mobilfunk-Anbieter suchen die Rettung im mobilen Internet, wo die Datenumsätze noch stetig steigen. Die Zahl der Nutzer hat sich nach neuesten Daten der Unternehmensberatung Accenture in Deutschland im vergangenen Jahr auf 7,7 Millionen verdoppelt. Doch allein durch die höhere Nutzung lässt sich der Umsatzrückgang nicht aufhalten. Der Branchenverband BITKOM rechnet für den Mobilfunk trotz des steigenden Datenverkehrs mit stagnierenden Umsätzen von rund 22 Milliarden Euro. Außerdem warnen die Experten von Accenture auch vor steigenden Kosten, die der erhöhte Datenverkehr mit sich bringt.

Trotzdem sollen neue Dienstleistungen rund um das mobile Internet die Umsatzeinbußen wenigstens teilweise ausgeglichen werden. Denn die Telekombranche beteiligt sich inzwischen auch in Konkurrenz zu den klassischen Internetdienstleistern an der Entwicklung solcher Anwendungen. Lange war die Rede von der einen so genannten „Killer Application“, die Kunden das mobile Internet schmackhaft machen und Geld in die Kassen der Mobilfunkanbieter spülen sollte. Inzwischen rücken die Experten aber davon teilweise wieder ab. Denn es wird immer deutlicher, dass die Bereitschaft von Mobilfunk-Kunden, für zusätzliche Navigationsdienste oder Musikdownloads zu bezahlen, zumindest derzeit noch nicht sehr hoch ist.

„Die Auswahl an Anwendungen wird sich sehr stark ausdifferenzieren und am Bedarf orientieren müssen“, sagt Nikolaus Mohr von der Beratungsfirma Accenture. Außerdem werde der Trend zu offenen Entwicklerplattformen wie dem Google-Betriebssystem Android oder dem App Store von Apple gehen. „Sonst sind die Unternehmen überhaupt nicht in der Lage, die Bandbreite an Kreativität zu nutzen.“

Telekom-Experte Roman Friedrich von Booz & Company rechnet für die nächste Zeit mit radikalen Veränderungen in der Branche: „Am Ende der Rezession wird die Telekommunikationsindustrie sich komplett verändert haben“, sagt er. Neue Geschäftsmodelle mit internetbasierten Zusatzdiensten seien unausweichlich. Vor allem im Festnetzbereich sieht er Zusammenschlüsse und Kooperationen kommen. „Wir werden noch in diesem Jahr Übernahmen sehen“, ist sich Friedrich sicher. Übernahmekandidaten seien vor allem kleinere Anbieter und Unternehmen ohne eigene Infrastruktur. Finanzierungsprobleme wegen der aktuellen Kreditkrise sieht er nicht: Die großen Telekommunikationsunternehmen seien angesichts stabiler Cashflows unabhängiger von den Finanzmärkten. Aus diesem Grund könnten die starken und finanziell solide aufgestellten Anbieter - nicht zuletzt durch Akquisitionen - Anteile in einem weitgehend gesättigten Markt hinzugewinnen.

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