Analyse: Neue Zeitrechnung bei SAP

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Deutsche Presse-Agentur

Pünktlich zum Machtwechsel im Vorstand ist das Softwarehaus SAP aus dem Tritt geraten. Co-Vorstandschef Léo Apotheker sollte am Mittwoch bei der Vorstellung der Ziele für 2009 als neuer starker Mann auf der Kommandobrücke präsentiert werden.

Stattdessen verkündete Europas führender Softwarehersteller einen massiven Stellenabbau - den ersten in der Firmengeschichte. Nach dem zähen Rechtsstreit mit dem Erzrivalen Oracle wegen Industriespionage-Vorwürfen und der verzögerten Einführung der neuen Mittelstandssoftware ist das eine neue Großbaustelle für den künftigen Top-Manager.

Im Mai endet die Doppelspitze mit dem langjährigen Vorstandschef Henning Kagermann. Spätestens dann muss die neue Handschrift des Vertriebsexperten Apotheker bei SAP erkennbar sein. Veränderte Strukturen innerhalb des 51 500 Mitarbeiter zählenden Konzerns hat der 56-Jährige bereits angekündigt: Kostengünstiger, schneller und innovativer müsse das Softwarehaus werden. Außerdem will der als extrem ehrgeizig und fordernd geltende Manager Doppelfunktionen streichen und Hierarchiestufen abbauen.

Das bereits laufende 200 Millionen schwere Sparprogramm und der nun beschlossene Abbau von weltweit 3000 Jobs bis zum Jahresende passen nun - obwohl auch zu einem großen Teil der Finanzkrise geschuldet - genau zu dem Forderungskatalog von Apotheker. Die Einschnitte wirken aber um so tiefer, weil der Weltmarktführer für Unternehmenssoftware bislang als Jobmaschine bekannt war. Pro Jahr wurden zuletzt rund 4000 neue Stellen im Konzern geschaffen. Auch Deutschland profitierte regelmäßig von Neueinstellungen.

Apotheker muss aber nicht nur konzerninterne Strukturen anpacken, sondern auch neue Märkte erschließen, um SAP im Zweikampf mit dem US- Konzern Oracle auf Kurs zu halten. In zwei Quartalen hintereinander wurden bereits Marktanteile im Geschäft mit Unternehmenssoftware eingebüßt. Experten gehen dazu von einem um drei Prozent schrumpfenden Gesamtmarkt aus.

Hatte der scheidende SAP-Chef Kagermann die neue Mittelstandssoftware einst noch als großen Hoffnungsträger für künftige Gewinne gepriesen, liegt die weltweite Einführung des Projekts bereits seit Frühjahr auf Eis. Um rund ein Jahr sollte die Einführung verschoben werden - das wäre pünktlich zum Übergang von Kagermann auf Apotheker an der Unternehmensspitze.

Im abgelaufenen Geschäftsjahr verbuchte SAP zwar noch Steigerungen bei Umsatz und Ergebnis. Für dieses Jahr sind die Erwartungen jedoch äußerst gedämpft, der DAX-Konzern verzichtet wegen der weiter unsicheren Lage sogar auf eine Prognose. „2009 wird kein einfaches Jahr“, prognostizierte dann auch der neue starke Mann in Walldorf. „Es wird ein Jahr, das Führungsstärke erfordert.“

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