Akihito geht, Naruhito kommt: Kaiserlicher Epochenwechsel in Japan

Lesedauer: 6 Min
In Amt und Würden: Japans neuer Kaiser Naruhito winkt den zahlreichen Schaulustigen zu, die den Weg zum Palast säumen.
In Amt und Würden: Japans neuer Kaiser Naruhito winkt den zahlreichen Schaulustigen zu, die den Weg zum Palast säumen. (Foto: afp)
Angela Köhler

Japans neuer Kaiser Naruhito hat am 1. Mai den Chrysanthementhron bestiegen. Damit ist der Epochenwechsel eingeläutet. Formal blieb Akihito bis Mitternacht Kaiser, nun amtiert sein 59-jähriger Sohn. Am Mittwochvormittag wurde Naruhito mit den heiligen Schätzen und kaiserlichen Siegeln als 126. Tenno eingesetzt. Die japanische Dynastie gilt als älteste der Welt und reicht der Legende nach bis zum mythischen Kaiser Jimmu zurück, der ab 660 vor Christus regiert haben soll.

Zu der traditionellen Prozedur waren zunächst nur die Regierung und die drei männlichen Erwachsenen des Kaiserclans zugelassen, aber nicht einmal die neue Kaiserin Masako. Erst in einer zweiten Zeremonie vor 266 geladenen Gästen aus der Politik erschienen die Damen der imperialen Familie. Die 55-jährige Masako trug ein weißes bodenlanges Kleid, eine Schärpe und eine Tiara. Nach der feierlichen Übergabe der verhüllten Insignien leistete Naruhito seinen Eid auf die Verfassung und gelobte, seine Pflichten als Symbol des Staates und der Einheit des Volkes treu zu erfüllen. Genau so ist das Amt beschrieben, regieren darf auch dieser Tenno nicht. Er soll sich aus politischen Debatten heraushalten, darf aber Ende Mai als ersten Staatsgast US-Präsident Donald Trump empfangen.

Gratis Sake für alle

Stilvoll zwar, aber eher schlicht und etwas steif wechselte die imperiale Epoche. Wenigstens wurde nach der Abdankung des 85-jährigen Akihito mit einem Gläschen Wein angestoßen. So nüchtern der offizielle Amtswechsel insgesamt ablief, die Japaner sollen ausgelassen feiern. Die Regierung verordnete quasi ein gigantisches Volksfest und Shinto-Priester schenkten gratis Sake aus. Trotz des strömenden Regens hat die Polizei in den Tokioter Parks und im weitläufigen Umfeld des Kaiserpalastes Partymeilen abgesteckt. Das Palastgelände, eines der teuersten Grundstücke der Welt, war jedoch für die Öffentlichkeit gesperrt. In Glanzzeiten soll es so viel wert gewesen sein wie der gesamte US-Bundesstaat Kalifornien zusammen.

Die neue Ära steht unter dem Motto „Reiwa“, übersetzt in etwa „schöne Harmonie“. Zum Ära-Wechsel wurde den Japanern für zehn Tage – vom 27. April bis zum 6. Mai – eine Art erweiterter Staatsurlaub verordnet. Banken, Schulen, Behörden haben geschlossen. Nicht so allerdings Geschäfte und Restaurants, denn Nippons Wirtschaft erhofft sich einen Thron-Boom. Erwartet wird ein Milliardengeschäft. Brauereien, Hotels Einzelhändler, Flug- und Eisenbahngesellschaften reiben sich die Hände. Der Reiseverband JTB rechnet damit, dass eine Rekordzahl von fast 25 Millionen Japanern unterwegs sein wird. „Die Menschen sind in fantastischer Festtagsstimmung“, jubelt ein Sprecher der riesigen Brauerei Asahi. Dafür gibt es einen besonders guten Grund. Dieses Mal wird der Thronwechsel nicht durch den Tod des Kaisers nötig, niemand muss um einen verstorbenen Tenno trauern.

Der kollektiven Ausgelassenheit sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Ein Tokioter Nobelhotel bietet seinen Gästen einen Luxus-Burger „Naruhitos Krönung“ aus Wagyu-Rind, Gänseleber und Goldflocken an. Die dekadente Kreation misst 25 Zentimeter im Durchmesser, ist drei Kilogramm schwer und umgerechnet 800 Euro teuer. „Da muss die Liebe zum neuen Tenno schon sehr groß sein“, räumt selbst sein Erfinder, Küchenchef Patrick Shimada ein und spendiert jedem Kunden eine Flasche Wein.

Neue Banknoten

Der neue Tenno bekommt auch neues Geld. Zu Ehren der Thronbesteigung von Naruhito ändert Japans Notenbank das Banknotendesign. Die künftigen Scheine werden im April 2024 in Umlauf gebracht. Die 10 000-Note ziert Eiichi Shibusawa, der Vater des japanischen Kapitalismus, 5000 Yen ist mit Umeko Tsuda eine Gelehrte und Frauenrechtlerin wert. Das Brokerhaus Nikko Securities verspricht sich vom Geldwechsel einen positiven Wirtschaftseffekt. Man hofft, dass die Japaner ihr Geld trotz der anhaltend niedrigen Zinsen nicht länger unter der Bettmatratze aufbewahren werden, sondern schnell in den Besitz der neuen Banknoten gelangen wollen.

Am Tag vor der Inthronisierung seines Sohnes sagte Akihito Sayonara. Der Kaiser muss den Göttern seine Abdankung ankündigen, so sieht es die Shinto-Religion und die Tradition vor. Begleitet wurde er von zwei Priestern in weißen Gewändern und schwarzen Hüten. Niemand anders darf dann aber dabei sein, wenn ein Tenno in einem der Palastschreine die religiösen Riten vollzieht. In diesen Heiligtümern der Ur-Religion Nippons zollte Akihito noch einmal seiner wichtigsten Ahnin, der Sonnengöttin Amaterasu Omikami Verehrung und Respekt. Den Mythen nach stammen alle japanischen Kaiser von dieser Lichtgestalt ab.

Mehr zum Thema
Ihr Kommentar wird nach einer kurzen Prüfung durch unsere Redaktion veröffentlicht.
Kommentare werden geladen
Mehr Themen