Akademie stellt Heinrich-Mann-Funde vor

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Deutsche Presse-Agentur

Die frühere Bardame Nelly Mann galt im Familienclan der Manns als „Schlampe“ und Nobelpreisträger Thomas Mann - der Herr mit den lebenslang unterdrückten spezifischen sexuellen Neigungen - rümpfte über die „schreckliche Trulle“ und das „blonde Dummchen“ stets die Nase.

Im TV-Mehrteiler „Die Manns“ verkörperte Veronica Ferres diese Nelly. Ein neuer Fund aus dem Nachlass von Heinrich Mann (1871-1950) mit Briefen und Dokumenten, der am Dienstagabend in der Berliner Akademie der Künste präsentiert wurde, lässt der letzten Ehefrau des Autors von Büchern wie „Der Untertan“ und „Professor Unrat“ mehr Gerechtigkeit widerfahren. Denn Nelly war dem Schriftsteller im praktischen Alltag eine wichtige Stütze, konnte gleichzeitig aber auch taktlos und ordinär sein.

„Sie war eine so gute, so menschlich freie, aufgeschlossene Frau“, schrieb der Nervenarzt und Schriftsteller Alfred Döblin („Berlin Alexanderplatz“) Ende Dezember 1944 nach mehreren Selbstmordversuchen und dem Tod Nellys an Heinrich Mann im amerikanischen Exil. „Sie war in nichts gebrochen und hatte eine wirkliche innere Kraft“, ihre Vitalität habe keine Grenzen gekannt. Döblin verschweigt nicht den „Dämon“, also die Drogen und den Alkohol, denen Nelly verfallen gewesen war. Aber wie selten sei es, „daß sich solche Vitalität mit echter Menschlichkeit verbindet“, meinte Döblin in seinem Beileidsbrief.

Mann hatte Nelly bei seinen Berliner Erkundungen für die Idealbesetzung als „fesche Lola“ für die Verfilmung seines erfolgreichen Romans „Professor Unrat“ als „Blauer Engel“ im Nachtclub-Milieu des Berliner Kurfürstendamms kennengelernt. Die Rolle bekam dann Marlene Dietrich. Heinrich Mann verkehrte gerne in der Berliner Bohème oder Halbwelt und im Amüsierbetrieb der Millionenstadt.

So findet sich in den in Prag in einem Koffer aufgetauchten Dokumenten auch ein Brief einer Margot Voss (die „Vossen“, wie sie unterschrieb), einer Bekanntschaft Manns aus der Vorkriegszeit aus eben jenem Berliner Kudamm-Milieu. Mitten in der Berliner Blockade 1948 hatte Heinrich Mann versucht, sie wieder nach Berlin zu locken. In ihrem Brief gibt sie detaillierte Auskünfte über den Alltag in Berlin. So berichtet sie nicht nur über den „regen Flugverkehr“ in Tempelhof, „alle 8 Minuten ein Flugzeug, also ganz verhungern werden wir wohl nicht“, aber Strom gibt es nur nachts eine Stunde. Die „Vossen“ gibt Heinrich auch Nachricht von Handelskursen auf dem Schwarzen Markt und den Preisen aus ihrem Milieu: „Am Kurfürstendamm ist wieder der alte Kurs eingeführt, ein guter Freier 20 Mk, sonst 10 Mk, also wird es wohl wieder in die alte Bahn kommen, wenn nur die Russen nicht wären.“

Der neue Fund aus dem Nachlass Heinrich Manns, der von den Nazis 1933 aus der Preußischen Akademie der Künste gedrängt wurde und 1950 starb, bevor er den Posten des ersten Präsidenten der neugegründeten Deutschen Akademie der Künste (DDR) in Ost-Berlin antreten konnte, birgt aber auch einen besonders wertvollen Schatz für die Literaturwissenschaft: 48 Briefe des französischen Germanisten Félix Bertaux an Mann aus den Jahren 1922 bis 1928. Die bisher bekannte Dokumentation des wohl wichtigsten geistigen Austausches, den Heinrich Mann über 26 Jahre hinweg führte, wird damit erheblich erweitert, betonte der Berliner Archivdirektor Wolfgang Trautwein bei der Vorstellung des Nachlasses.

Der Fund ist ein Zufallstreffer. Der Lüneburger Literaturwissenschaftler Peter Stein war schon 2004 in Prag auf den Koffer gestoßen, nachdem sich der damals 79-jährige Tscheche Karel C. an ihn gewandt hatte, dessen Mutter seit etwa 1940 mit Maria Mann, der ersten Frau Heinrich Manns befreundet war (das Scheidungsurteil von 1930 ist auch unter den Dokumenten) und die bald nach dem Krieg an den Folgen ihrer Haft im KZ Theresienstadt starb. Der Koffer mit den Heinrich-Mann-Dokumenten blieb jahrzehntelang unbeachtet in einer Wohnung in Prag, bevor Stein 2004 darauf aufmerksam wurde. Er konnte sie erst jetzt nach Überwindung „einiger juristischer Hürden“ - die „Ausfuhr nationalen Kulturgutes“ aus Tschechien wurde nachträglich genehmigt - öffentlich präsentieren.

Der pensionierte Ingenieur, der Stein den Koffer in einem Prager Café übergab, war dazu auch nach Berlin gekommen. „Ich konnte es kaum glauben, es verschlug mir den Atem, als er im Café diesen Koffer öffnete“, erinnert sich der Literaturwissenschaftler noch lebhaft an diesen Moment. „Ich sah in dem Fund von vornherein einen Koffer für Berlin“ - in der Berliner Akademie befindet sich das Heinrich-Mann- Archiv. Das Grab Heinrich Manns ist auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin neben Bertolt Brecht und Anna Seghers.

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